Forschungsprojekte

Forschungsprojekte

„Beyond the Crises: Utopian Strategies, African Science Fiction“

Peter J. Maurits

In my project, I examine the emergence of African science fiction (ASF). ASF gained momentum after the financial crisis of 2007-8, and can now be found across the African continent, in a variety of artistic productions, including literature, film, and the visual arts. In studying this sudden and widespread rise and institutionalization, this project provides insight into the specific phenomenon of ASF, as well as in the general dynamics of cultural production.

Science fiction emerged initially in the 19th century, in Europe, alongside colonialism, and was used inter alia for “racist” purposes (Delany 1998), and for imagining futures in which African people were absent (Gbadamosi 2015). ASF producers, however, saw in SF the possibility to imagine a “future for Africa” which is better than the present (Okorafor 2015). ASF’s intended function, then, is utopian, foregrounding the first of two main questions in this project: ‘How is the (utopian) future imagined in ASF’.

To imagine this future, ASF draws on a long history of proto-SF on the African continent, including Dogon, Zulu, and Acholi mythology, which locates the origins of these people in space, and North-African Arabic SF, which emerged in the 1960s in Egypt and Morocco. The genre also draws on Euro-American SF and utopian/dystopian traditions—e.g. Towfik’s Utopia (2008) and Sansal’s 2084 (2016) respectively build on More’s Utopia and Orwell’s 1984. As such, ASF modifies African cultural production as a whole, as well as the utopian form. This leads to the second question of this project: ‘how does ASF shape the future of African cultural production’.

From this perspective, my ultimate aim emerges, too: to contribute to a better understanding of the emergence and formation of novel cultural forms, across time, space, boundaries of disciplines, cultures, and nations.

 

„Magische Praktiken in der Verwaltung. Neue Aspekte des Verwaltungshandelns im 16. und frühen 17. Jahrhundert“

Ulrike Ludwig

Im Zentrum des Projektes „Magische Praktiken in der Verwaltung. Neue Aspekte des Verwaltungshandelns im 16. und frühen 17. Jahrhundert“ steht die Frage, in welcher Weise und in welchen administrativen Feldern magische und divinatorische Praktiken als Hilfsmittel für die Kontrolle, Absicherung und Beeinflussung von Verfahren und Entscheidungen genutzt wurden.

Der räumliche und institutionelle Untersuchungsschwerpunkt liegt auf Höfen im Alten Reich und den dort angesiedelten Institutionen der zentralen Verwaltung, denn frühneuzeitliche Höfe waren nicht nur Zentralorte vormoderner Verwaltung sondern eben auch Zentren des Wissens über Wahrsagerei und Magie.

Insgesamt knüpft das Projekt an die aktuellen Diskussionen um die Bedeutung von Verwaltungspraxen für das Funktionieren von Organisationen und das Gelingen von Verfahren an.  Zugleich erfolgt aber mit der Betrachtung von Magie und Divination eine entscheidende Neuausrichtung der Untersuchungsperspektive, die einen neuen Blick auf den Staatsbildungsprozess und das Funktionieren von Organisationen zulässt.

Denn wenn magische und divinatorische Praktiken in der Verwaltung als Strategien der Verfahrensabsicherung und der Herstellung von Systemvertrauen konzipiert werden können, dann muss der Magie und der hellseherischen Zukunftsschau im Prozess der Entstehung moderner Staatlichkeit und womöglich auch noch darüber hinaus eine grundsätzlich funktionale Bedeutung zugewiesen werden.

 

„Überlieferungsweisen – Betrachtungsweisen – Gebrauchsweisen: Bedeutungszuweisungen an Artefakte der Hellseherei in Europa vom 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert”

Ulrike Ludwig

Der Wunsch, in die Zukunft blicken zu können, ist eine Konstante im individuellen und kollektiven Leben des Menschen. Jahrtausende lang hat man sich der Deutung von scheinbar ‚natürlichen‘ oder aber ‚künstlich geschaffenen‘ Zeichen bedient, um der Unsicherheit über die Ereignisse, die uns erwarten, Herr zu werden. Doch auch wenn Formen der Hellseherei lange sehr bedeutsam waren, so ist für Europa seit der Mitte des 17. Jahrhunderts der Prozess eines sukzessiven Bedeutungs- und vor allem Legitimationsverlustes von Divination als anerkannter Form der ‚Wissensproduktion‘ auszumachen. Sinnfälliger Ausdruck dieser Distanznahme ist der Umstand, dass divinatorische Objekte ihrer Anwendung enthoben und als Gegenstände musealen Sammelns in vollkommen neue Sinnzusammenhänge eingebettet wurden. Diese Geschichte musealen Sammelns und (Um)Deutens divinatorischer Objekte steht im Mittelpunkt des Projekts.

Bearbeitet wird das Thema in zwei, chronologisch aufeinander aufbauenden Teilprojekten. Im frühneuzeitlichen Teilprojekt stehen höfischen Sammlungen in der Zeit vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert im Mittelpunkt. Im chronologischen Anschluss an das frühneuzeitliche Teilprojekt untersucht das zweite Teilprojekt vom Standort des Germanischen Nationalmuseums aus die Anfänge des Sammelns divinatorischer Schrift- und Sachquellen in musealen Institutionen, insbesondere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In einem epochenübergreifenden Zugriff verspricht das Vorhaben damit Aufschluss über die Frage, welchen Beitrag fürstliche und bürgerliche Sammlungen zur Historisierung und zugleich zur nachhaltigen Abwertung divinatorischer Praktiken als lächerlich und unseriös geleistet haben.

Weitere Informationen unter: http://www.ng1.geschichte.uni-erlangen.de/cms/team/ulrike-ludwig/forschung-und-forschungsprojekte/ueberlieferungsweisen-ndash-betrachtungsweisen-ndash-gebrauchsweisen.php

 

„Von der „Peter-Alexander-Show“ über die „Schwarzwaldklinik“ zum „Traumschiff“ Eine Produktionsstudie zur Ästhetik und Geschichte des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehens auf Grundlage des Nachlasses von Wolfgang Rademann“

Kay Kirchmann und Sven Grampp

Die Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin verwaltet den vollständigen Nachlass des kürzlich verstorebenen Fernsehproduzenten Wolfgang Rademann (1934-2016). Die Deutsche Kinemathek ermöglicht uns uneingeschränkt den Zugang zu diesem umfangreichen Material, das Rademanns Projektskizzen, Korrespondenz, kommentierte Drehbücher, Probeaufnahmen, Tagebuchnotizen, Fotografien und ähnliches aus einem Zeitraum von fast 60 Jahren umfasst (von 1968 bis 2014). Besonders interessant ist dieser Nachlass vor allem, weil Rademann zunächst als Musik- und dann vor allem als Fernsehproduzent maßgeblich beteiligt war an vielen ausgesprochen erfolgreichen Unterhaltungsserien, die er insbesondere für das ZDF über mehrere Jahrzehnte hinweg produzierte. Angefangen bei der „Peter-Alexander-Show“ (1963-96) über die „Schwarzwaldklinik“ (1985-89) bis zum auch nach dem Tod von Rademann weiterhin produzierten „Traumschiff“ (seit 1981).

Durch die systematische Aufarbeitung von Rademanns Nachlass versprechen wir uns im Abgleich des Archivmaterials mit den ausgestrahlten Sendungen, auf die wir aufgrund einer weiteren Kooperation, nämlich mit dem ZDF-Archiv in Mainz, Zugang haben, Einsichten über die Absichten, Modifikationen, Arbeitsprozesse, Vernetzungen und (Interessens-)Konflikte des öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu gewinnen, die die ästhetische Erscheinungsform des deutschen Unterhaltungsfernsehens maßgeblich geprägt haben. Dementsprechend ist unser Projekt ein Beitrag zur ästhetischen Formgeschichte des deutschen Unterhaltungsfernsehens aus Perspektive eines ihrer zentralen Akteure.

Mit unserem Projekt situieren wir uns im jungen Forschungsfeld der sogenannten Produktionsstudien (production studies). Dabei interessiert weniger, wie mediale Produkte rezipiert werden oder interpretiert werden könnten, sondern sehr viel mehr die konkreten Produktionsbedingungen, sodass die Interpretationen und Funktionalisierungen des Populären vor dem Hintergrund konkreter Produktionsbedingungen einsichtig gemacht werden können. Zudem findet sich gerade auf der Produktionsebene die komplexe Gemengelage aus widerstreitender Interessen, Sachzwängen und rechtlichen Grundlagen abgebildet, die es offensichtlich macht, dass auch und gerade populäre Formate des Unterhaltungsfernsehens immer schon Resultat von Aushandlungsprozessen (und Verwerfungen) zwischen Akteurs-Kollektiven und institutionellen Formationen sind.

Buchprojekte

Brandl-Risi, Bettina, Hans-Friedrich Bormann und Matthias Warstat, Hg. Archive. Publikation mit Wissenschaftler_innen und Künstler_innen, gefördert von der Arbeitsgruppe „Kunst als Forschung?“ der Jungen Akademie gemeinsam mit dem Institut für Theater- und Medienwissenschaft der FAU. Beiträge von: Lindy Annis, Hans-Friedrich-Bormann, Bettina Brandl-Risi, Herbordt/Mohren, Denis Leifeld, Alexandra Martin, Dorothea Pachale, Evelyn Runge, Janine Schulze-Feldmann, Herbert Stattler, André Studt, Matthias Warstat. Erscheint im Revolver-Verlag Berlin Ende 2017.

Der Archivbegriff kann als ein Bindeglied zwischen Wissenschaften und Künsten fungieren. Als materielle Speicher stehen Archive für greifbare Orte, an denen Objekte, Texte, Gedanken und Träume aufbewahrt werden. Sie stellen positiv konnotierte Modelle des Bewahrens, der Wertschätzung und der Sorge bereit, aber sie haben zugleich auch dunkle Seiten: Wer entscheidet über die Aufnahme ins Archiv und damit über wichtig/belanglos, heilig/profan, dauerhaft/vergänglich, wertvoll/wertlos? Bei wem liegt die Macht, den Zugang zum Archiv zu gewähren oder zu verweigern? Im Zentrum der Publikation stehen drei künstlerische Positionen, die in je eigener Weise auf das Modell des Archivs Bezug nehmen. Die Berliner Performerin Lindy Annis sammelt seit über zehn Jahren Körpergesten und erforscht mit ihren Arbeiten die Frage nach Residuen und Transformationen von Bild-Archiven der Emotion. Herbert Stattler beschäftigt sich in Zeichnungen, Skizzenheften und Papierobjekten mit Kriterien des Sortierens und Ordnens, wobei er die oft zufälligen, idiosynkratischen Ordnungssysteme von Archiven transparent und die Eigenlogik der Archivalien erfahrbar macht. Herbordt/Mohren (Melanie Mohren und Bernhard Herbordt) arbeiten in ihren Raum- und Klanginstallationen, Theaterarbeiten und Ausstellungsprojekten nach archivalischen Prinzipien, um neue Denkräume zu eröffnen. In Dialogen zwischen Künstler_innen und Wissenschaftler_innen über konkrete Arbeiten – flankiert durch Kurzbeiträge aus verschiedenen Fachdisziplinen – kommen Implikationen und Widersprüche des Archivbegriffs zur Sprache, die aus der Perspektive der Künste besonders scharf hervortreten: Archive dienen (scheinbar) der Erinnerung, müssen sich aber zugleich ständig ergänzen und erneuern. So wie sie Vergangenheit und Zukunft überblenden, verbinden sie eine ästhetische Herrichtung der Archivalien mit dem Versprechen, Einblicke ins Reale nehmen zu können: Werkstatt der Erinnerung, Fabrikation des Neuen.

 

Kunze, Rui, and Marc Matten. Learning Science from the Masses: Cultures of Knowledge in Twentieth-Century China

The monograph Learning Science from the Masses: Cultures of Knowledge in Twentieth-Century China examines the production and dissemination of scientific and technological knowledge in twentieth-century China, focusing on the period of 1949-1978. It contributes to the emerging academic debate that reassesses history of science in Maoist China, a debate informed by the growing scholarship in the field of history of science that debunks the assumption that knowledge production of science is an ideologically neutral process. More specifically, this book challenges the widely accepted view that political ideology had smothered the development of science and technology in Maoist China and hence created a rupture in the history of science of modern China. With unique primary sources this book is able to shed new light on history of science and cultures of knowledge in Maoist China.

 

Kley, Antje, and Kai Merten, eds. Literature and Knowledge. CEALS. Frankfurt/M: Lang, 2018.

Literature and Knowledge seeks to shed light on two interrelated dimensions of the underdetermined and capacious nexus between knowledge and literature. The volume’s contributions address forms of literary writing from the early modern period to the present as media staging and reflecting concepts of knowledge and negotiating the historically and culturally specific interrelation of epistemology (both individual and collective), materiality, and representation (Horatschek). At the same time, the essays converge in a conception of literature as a culturally embedded form of knowledge production in its own right. In contrast to quantifiable empirical forms of knowledge production in such fields as the natural sciences, engineering, medicine, and parts of the social sciences and economics, literature deploys narrative, poetic and discursive methods of exploration, experimentation, interrogation, claiming and confirmation. Its guiding value is not scientific truth but a notion of truth that is built around historically shifting semantics from beauty to coherence and attraction. While empirical forms of knowledge production seek to produce a “view from nowhere” (Nagel, Daston) in order to achieve the ideal of objective verifiability, literary writing provides a decidedly interested, socially situated “view from somewhere” (Kley) in order to produce meaning and accrete credibility (Mohanty). As many of the volume’s essays confirm, literature also knows that the notion of reliable knowledge is a contested one.

The essays explore literary writing as formally, rhetorically and generically rich archive of re-descriptions of the world attempting to surprise, seduce, enchant or shock readers into reading other people’s minds, into accessing institutional environments and social interactions in a different key, and into seeing individual self-understandings as socially mediated (Felski). Interconnecting formalist and political protocols of reading, the volume articulates a more plastic sense of how philological expertise in imaginary and historiographical processes of meaning making, in conceptual clarification, in the negotiation of uncertainty, complexity, heterogeneity, and particularity (Turner, Kelleter) may generate productively irritating forms of connectivity to other knowledge discourses. Contributions explore literary writing, both in its popular and its culturally distinguished forms, as a way of thinking and endeavor to follow its imaginary roads to encounter vast and diversified knowledge landscapes.

Contributions by Antje Kley, Richard Nate, Kai Merten, Albert Meier, Anthony John Harding, Justus Gronau, Philip Erchinger, Maria Kaspirek, Cord-Christian Casper, André Schwarck, Martin Klepper & Aleksandra Boss, Matthias Bauer, Ann Spangenberg, Daniel Schäbler, Jutta Zimmerman, Anja Pistor Hatam, and Marcel Hartwig.

 

Engel, Juliane, Mareike Gebhardt, Kay Kirchmann und Heike Paul, Hgg. Zeitlichkeit und Materialität. Interdisziplinäre Perspektiven auf Theorien der Präsenz und des impliziten Wissens. Präsenz und implizites Wissen. Bielefeld: transcript, 2017.

Präsenz- und implizite Wissenstheorien legen in ihrem Zusammenspiel soziale und kulturelle Phänomene in ihrer zeitlichen Struktur und materiellen Beschaffenheit bloß: Wie werden zeitliche Ordnungen zu sozialen und kulturellen Mustern oder Materialitäten? Und welche Materialitäten konstituieren soziale und kulturelle Präsenzen? Wie stehen Zeitlichkeit und Materialität also zueinander und was macht sie für die kultur-und sozialwissenschaftliche Empirie wie auch Theoriebildung besonders relevant? Diese Fragen diskutiert der Band in drei Sektionen, die sich mit dem Spannungsfeld von Zeitlichkeit und Performativität, Kulturtheorien der (Nicht-)Präsenz sowie Materialität aus einer interdisziplinären Perspektive auseinandersetzen.

Mit Beiträgen u.a. von Aida Bosch, Lorenz Engell, Thomas Khurana, Tatjana Schönwälder-Kuntze, Isa Wortelkamp und Christoph Wulf.