Links zu weiteren Portalen

Seiteninterne Suche

Forschungsschwerpunkt Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung

Forschungsschwerpunkt Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung

Koordinator: Prof. Dr. Svenja Hagenhoff,
Stv. Koordinator: Prof. Dr. Heidrun Stein-Kecks

Gegenstand des FSP

Der FSP widmet sich den Möglichkeiten, Herausforderungen und Konsequenzen der Digitalisierung. Dazu gehören sowohl verschiedene Auswirkungen der Digitalisierung auf Teilbereiche der Gesellschaft, wie etwa Kultur, Medien, Politik, Bildung, Gesundheitswesen oder Wissenschaft, als auch neue digitale Methoden und Arbeitstechniken, die sich mit dem digital turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften etabliert haben.

Digitalisierung bedeutet die Zerlegung von Informationen und Rechenoperationen in einen Binärcode, der elektronisch und damit losgelöst von spezifischen Verarbeitungs- und Trägermaterialien mit hoher Geschwindigkeit in großen Mengen und potenziell automatisch verarbeitet wird. Aufgrund dieser Eigenschaften hat die Digitalisierung das Potenzial alle Lebensbereiche zu durchdringen: Technologisierung und Automa­tisierung sind nicht wie es im Zuge der Industrialisierung der Fall war auf physikalische Prozesse beschränkt, son­dern betroffen sind vor allem auch nicht-physikalische Prozesse, wie z.B. Wissens- und Erkenntnisgewinn, Kommunikation und Pflege von Beziehungen, Zugang zu Information, Organisation von Arbeit oder Prozesse der politischen Entscheidungsfindung. Im selben Moment schafft die Digitalisierung neue Möglichkeiten und Methoden der wissenschaftlichen Forschung. Nicht zuletzt in den Bereichen Text (Linguistik, Philologie) und Bild ermöglichen digitale Forschungswerkzeuge Analysen, Beobachtungen und Erkenntniseffekte, die mit gleichsam traditionellen geistes- und sozialwissenschaftlichen Arbeitstechniken nicht erzielt werden können.

Vor diesem Hintergrund fokussieren die Forschungsaktivitäten der Fakultät in diesen FSP zwei größere Erkenntnisobjekte: Zum einen hat die Digitalisierung Effekte auf etablierte Institutionen, Organisationen, Strukturen und soziale Beziehungen als Ausprägungen menschengemachter Phänomene. Zum anderen verändern sich durch die neuen Möglichkeiten Arbeitstechniken in den Geistes- und Sozialwissenschaften und erfordern zusätzliche und umfangreiche Methodenkompetenz. Der Forschungsschwerpunkt widmet sich beiden Zugängen zum Thema. Er ist daher in zwei Arbeitsgebiete gegliedert: das Arbeitsgebiet Digitalisierung als Phänomenveränderer sowie das Arbeitsgebiet Digitalisierung als Methode.

Potenziale des FSP

Die beiden beschriebenen Arbeitsgebiete sind in der täglichen Forschungs- und auch Lehrtätigkeit nicht trennscharf zueinander, stattdessen weisen sie in einzelnen Forschungsfragen durchaus Berührungspunkte oder sogar Überlappungen auf, bis dahin, dass die Zuordnung eines konkreten Projekts zu einem Arbeitsgebiet nicht zwingend eindeutig ist. Genau hierin liegt das große Potenzial des breit angelegten FSP: da Forschung nicht planbar ist können bei neuen Projektideen vorhandene Expertisen schnell gezogen und für gemeinsame Arbeit fruchtbar gemacht werden. Beispielsweise erfordern Fragen nach veränderten Prozessen der Meinungsbildung und Rollen etablierter Gatekeeper Methodenkompetenz in der Auswertung qualitativer, unstrukturierter Datenbestände, die mit Twittermeldungen in großen Mengen vorliegen.

Die beiden Arbeitsgebiete und die aufgelisteten, exemplarischen Konkretisierungen verstehen sich daher als Idealtypen, die dabei helfen sollen, die vorhandene Expertise in der FAU nach innen und außen transparent zu machen, die aber keinesfalls in der täglichen Arbeit separierend wirken.

Zudem leistet der FSP wertvolle Hilfe hinsichtlich der Grenzziehungen in Bezug auf die betroffenen wissenschaftlichen Disziplinen. Sowohl Methoden wie auch Konturen und Erkenntnisgegenstände sind von Veränderung betroffen und erfordern Diskussions- und Aushandlungsprozesse hinsichtlich nötiger Neujustierungen des erforderlichen Wissens in einem Gebiet.

Längerfristige Verankerung des Themas

Der FSP weist aktuell fünf Professuren auf, in deren Arbeitsgebiet die Digitalisierung explizit und damit längerfristig verankert ist:

  • Buchwissenschaft, insb. E-Publishing und Digitale Märkte
  • Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Bild (im Besetzungsverfahren)
  • Korpuslinguistik
  • Mittelalterliche Geschichte mit den Schwerpunkten Historische Grundwissenschaften und Digital Humanities (im Besetzungsverfahren)
  • Techniksoziologie (zusammen mit der Technischen Fakultät) (im Besetzungsverfahren)

Verankerung des FSP in der FAU

Fakultätenübergreifend ergeben sich intensive Berührungspunkte des FSP insbesondere zu den Disziplinen Jura (ReWi), Wirtschaftswissenschaft (ReWi), Geographie (Nat.) und Informatik (Tech).

Die Mitglieder des FSP engagieren sich in den folgenden Zentren der FAU

Der FSP ist eingebettet in den FAU Wissenschaftsschwerpunkt Elektronik, Information und Kommunikation.

Des Weiteren arbeitet der FSP eng mit den folgenden zentralen Einrichtungen der FAU zusammen:

Verankerung des FSP in der Region

Die Mitglieder des FSP arbeiten eng zusammen mit den Mitgliedern des 2015 gegründeten Zentrum für Innovative Anwendungen in der Informatik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Auch dort sind sowohl digitale Werkzeuge wie auch die Effekte der Digitalisierung Gegenstand der Arbeit.

In Bezug auf die forschungsorientierte Lehre ist das Netzwerk für Studien der Digitalen Geistes- und Sozialwissenschaften Erlangen-Regensburg-München (NeSDig) eine wichtige Institution. Gefördert durch das Bayerische Ministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst wird ein von den drei Universitäten geplantes, kooperatives Studienangebot im Bereich Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften realisiert.

Verknüpfung des FSP mit der Lehre

Die Fakultät fühlt sich dem Gedanken der Einheit von Forschung und Lehre verpflichtet. Die Arbeiten des FSP weisen daher zwangsläufig direkte Berührungspunkte mit der Lehre auf. Forschungsfragen und Erkenntnisse in Bezug auf Inhalte und Methode werden in einzelne Module der verschiedenen Studiengänge und in die Angebote für Doktoranden und Habilitanden integriert. Darüber hinaus verantwortet der FSP folgende spezifische Aktivitäten:

 

Digitalisierung als Phänomenveränderer

Koordinator: Prof. Dr. Svenja Hagenhoff

Im grundsätzlichen Erkenntnisinteresse des Arbeitsgebiets liegen die Effekte der Digitalisierung auf oder bei realweltlichen, menschengemachten Phänomenen. Die Effekte bieten einerseits Chancen zur Ausprägung von Neuartigem, erzeugen andererseits auch Unsicherheit und müssen daher verstanden und ggf. gestaltet werden. Das Arbeitsgebiet liefert Beiträge zum Verständnis der Voraussetzungen und Konsequenzen der Transformation von Phänomenen und Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen. Objekte der Betrachtung sind demnach der handelnde und wahrnehmende Mensch, die Objekte und Artefakte, die er erzeugt und benutzt sowie die Prozesse, Strukturen und Institutionen des menschlichen Zusammenwirkens. Konkret widmet sich das Arbeitsgebiet folgenden Erkenntnisgegenständen:

  • Ausgestaltung von Institutionen: Institutionen werden verstanden als unterschiedlich motivierte Beschränkung menschlicher Interaktion durch formelle (z.B. Gesetze, kodifizierte Usancen) oder informelle (z.B. Umgangsformen, Berufsethos) Regeln. Der durch neue Technologien entstehende Überschusssinn erfordert die aktive Änderung nicht mehr funktionstüchtiger und die Gestaltung ganz neuer Institutionen in einem Prozess der Aushandlung der gewünschten (neuen) Ordnung. Shitstorms und Empörungswellen aber auch Infragestellung von Mächtigen aufgrund der wirksamen Kommunikationsfähigkeit der Massen, Veränderte Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit oder Fragen der Verantwortung und Vertraulichkeit (z.B. bei Gesundheitsdaten) sowie Zurechenbarkeit sind exemplarisch der Betrachtung wert.
  • Ausgestaltung von Prozessen, Organisationen und Organisationsformen: In den verschiedensten gesellschaftlichen Teilbereichen haben sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte Routinen und Strukturen ausgeprägt, die sich im Umgang mit Komplexität bewährt haben. Exemplarisch zu nennen sind die fortschreitende Arbeitsteilung und Koordination der Teile zu einer Gesamtlösung über Märkte und Hierarchien oder die Delegation von Entscheidungskompetenz und -verantwortung im Rahmen des täglichen Zusammenlebens. Stärkere Dezentralisierung und Vernetzung anstelle von Hierarchie und lokaler Präsenz, Zuschreibung von Expertise und Problemlösungskompetenz auf Jedermann oder Fragen der Inklusion, Exklusion, Teilhabe oder Nicht-Teilhabe sind Ausprägungen der potenziellen Veränderung durch Digitalisierung.
  • Eigenschaften und Ausprägungsformen von Objekten, Artefakten und Performances: Die Digitalisierung führt über die Veränderungen von Eigenschaften (z.B. Materialität, Haptik, zwei oder drei Dimensionen) zu anderen Wirkungen, anderen Nutzungs-oder Rezeptionspraktiken, anderen Komplexitäten oder ganz neuen Gestaltungsoptionen. Wenn beispielsweise ehemals physische Objekte durch digitale Surrogate abgelöst werden (z.B. iPad statt Schulheft) ergibt sich eine andere Art von Bedienung (Wischen und Klicken statt Blättern) oder eine ganz andere Nutzungspraktik (Tippen oder Diktieren statt Schreiben). Exemplarische Untersuchungsgegenstände können sein die Gestaltung der Mensch-Maschine-Schnittstelle oder die Gestaltung von Medien für konkrete Nutzungsszenarien.

In diesem Arbeitsgebiet arbeiten Buchwissenschaftler, Didaktiker verschiedener Fächer, Ethiker, Geschichtswissenschaftler, Pädagogen, Politikwissenschaftler, Psychologen, Soziologen und Theaterwissenschaftler zusammen.

 

 

Digitalisierung als Methode

Koordinator: Prof. Dr. Heidrun Stein-Kecks

Im grundsätzlichen Erkenntnisinteresse des Arbeitsgebiets liegen die Möglichkeiten der Digitalisierung in Bezug auf Arbeitspraktiken im Prozess der Wissens- und Erkenntnisgenerierung. Es werden die Zugänge der Informatik im Sinne eines Werkzeugs genutzt, um entweder ganz neue Erkenntnisinteressen und (Forschungs)fragen bedienen zu können oder aber um bekannte (Forschungs)fragen effizienter und präziser verfolgen zu können. Auch werden existierende Forschungsobjekte (z.B. Handschriften, Inkunabeln, Urkunden, Statuen, Literatur, Bildkunstwerke, Münzsammlungen) digitalisiert (gescannt, modelliert) und somit für Forschung und Lehre ubiquitär verfügbar gemacht.

Die Methodenkompetenz in diesem Arbeitsgebiet erstreckt sich auf die folgenden Felder:

  • Sprache und Text: Die Arbeiten fokussieren auf die quantitative inhaltliche oder stilistische Analyse von textuell dargebotenen Informationen mit Hilfe automatischer oder halbautomatischer Verfahren. Zentral ist einerseits die fundierte statistische Absicherung von Beobachtungen, insbesondere wenn diese auf einer kleinen Anzahl von Fundstellen beruhen; andererseits die Visualisierung quantitativer Muster im Zuge einer hypothesengenerierenden Exploration der Textbestände. Exemplarische Forschungsfragen können sein, den Autor eines Textes anhand von Duktus und Satzbau zu identifizieren, politische Argumentation in verschiedenen Zeitungen vergleichend zu analysieren, oder Texte bzw. Aussagen aufgrund ihrer inhaltlichen Ähnlichkeit zu gruppieren (Clustering).
  • Bild und 3D-Objekte: Die Arbeiten fokussieren auf die Analyse zwei- und dreidimensionaler Objekte der bildenden Kunst, Archäologie und Geschichtswissenschaft. Gegenstand der Arbeiten können Methoden zur Erfassung und Ablage komplexer Datenbestände (z.B. Beschreibung eines Bauwerks) ebenso sein wie die inhaltliche Analyse und Interpretation des bildlich oder körperlich Dargestellten oder die Analyse historischer Oberflächen (verwendete Materialien, Farbanalyse).
  • Schrift und Zeichen: Die Arbeiten fokussieren auf das automatisierte Erkennen von Schrift und weiteren Zeichen in grafischer Codierung (z.B. Handschrift, Typen). Ziel der Forschung kann es z.B. sein, Handschriften und alte Drucke automatisch zu digitalisieren, einen Schreiber eines handschriftlich verfassten Dokuments zu identifizieren oder aber die Offizin, in der ein Druckwerk hergestellt wurde. Abstrakt formuliert geht es im Kern darum, herauszufinden, warum und wie trotz drastischer Variationsmöglichkeiten der Instanzen eines Zeichentyps die Instanz dennoch einem Typ sowie einem Erzeuger zugeordnet werden kann.
  • Philologie und Edition: Die Arbeiten fokussieren auf die Nutzung neuer digitaler Editionsmethoden. Sie ermöglichen dynamische Textdarbietungen, die den Benutzer interaktiv einbinden und damit das Angebot traditioneller wissenschaftlicher Editionen um ein Mehrfaches übersteigen. Darunter fällt beispielsweise, dass der Benutzer sich ‚seinen‘ Editionstext selbst bedarfsabhängig konfiguriert (vom Digitalisat der Quelle bis zum normalisierten Lesetext), darunter fallen aber auch (im weitesten Sinne) Textauszeichnungen, die den Editionstext erschließen, oder die Anschlussfähigkeit an Nachbardisziplinen (z. B. Linguistik, Geschichte etc.), insofern die Texte bei entsprechender Codierung elektronisch ausgetauscht und maschinell weiterverarbeitet werden können.
  • Raum und Gesellschaft: Die Arbeiten fokussieren auf die Anwendung von Algorithmen und die Modellierung von Daten für Forschungsfragen aus den Sozial- und Kulturwissenschaften. Exemplarische Aufgabenstellungen sind z.B. die Modellbildung und Simulation sozialwissenschaftlicher Phänomene (z.B. Netzwerkanalysen), das Abbilden unstrukturierter, komplexer Daten aus natürlichsprachlichen Raum-Zeit-Beschreibungen (z.B. fünf Tage nach Ostern oder nach der großen Eiche links), die automatische Visualisierung von Sachverhalten und deren Zusammenhängen (z.B. Kartendarstellungen) oder die konzeptionelle Durchdringung verschiedener Filtermechanismen (Empfehlungssysteme, individualisierte Informationsbereitstellung).

In diesem Arbeitsgebiet arbeiten Archäologen, Buchwissenschaftler, Geschichtswissenschaftler, Korpus- und Computerlinguisten, Kunsthistoriker, Medienwissenschaftler, Sprach- und Literaturwissenschaftler der verschiedenen Philologien und Soziologen zusammen.