Navigation

Forschungspreise der Fakultät

Promotionspreise und Preise für wissenschaftliche Abschlussarbeiten

für eine besonders herausragende geistes- bzw. kulturwissenschaftliche Dissertation

2017 – Anne Kathrin Schmiedl (Sinologie)

2016 – Anna-Maria Seemann (Buchwissenschaft)

2015 – Alla Klimenkowa (Romanische Philologie)

2014 – Christian Schmidt (Amerikanistik)

2013 – Viktoria Gutsche (Germanistik)

2012 – Daniel Potthast (Islamwissenschaft)

2011 – Christian Däufel (Germanistik) und Natalie Boonyaprasop (Anglistik)

für eine besonders herausragende sozial- bzw. humanwissenschaftliche Dissertation

2015/2016 – Simone Pilz (Pädagogik)

2013/2014 – Tamara Hagmaier (Psychologie)

2011/2012 – Susanne Bruckmüller (Psychologie)

2014 – Susanne Grosser

 

2017 – Nadja Kutscher (Politische Wissenschaft)

2016 – Sebastian Schmidt (Philosophie)

2015 – Sophia Schnuchel (Romanische Philologie)

2014 – Julia Gnibl (Pädagogik)

2013 – Karoline Stiefel (Medienwissenschaft)

2012 – Laura Geyer (Ur- und Frühgeschichte)

2017 – Joachim Peters (Ethik der Textkulturen)

2016 – Constanze Lörner (Lehramt Gymnasium – Deutsch)

2015 – Anna Mareke Kampen (Theater- und Medienwissenschaft)

2014 – Magdalena Abele

2013 – Mareike Transfeld (Politische Wissenschaft)

2012 – Nicole Hauke (Psychologie)

2016 – Wolfgang Schäfer (Politische Wissenschaft) und Friederike Fehlig (Orientalistik)

Habilitationspreis der Friedrich-Alexander-Universität

2018

David Daniel Ebert

David Daniel Ebert, Foto: privat

Kurzzusammenfassung

Die kumulative Habilitation von David Daniel Ebert mit dem Titel „Digitale diagnostische Instrumente und psychologische Interventionen“ umfasst 26 peer-reviewed Publikationen. Sie fokussiert auf die Entwicklung und Evaluation der Wirksamkeit, Kosteneffektivität, Mechanismen sowie Moderatoren des Therapieerfolges digitaler Gesundheitsinterventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit. Diese Arbeiten sind von hoher Relevanz, denn zwar existiert umfangreiche Evidenz, dass Psychotherapien effektiv in der Behandlung bei einer Reihe von psychischen Störungen sind, zahlreiche Betroffene mit psychischen Beschwerden werden vom derzeitigen Gesundheitssystem allerdings nicht erreicht. Die von Dr. Ebert entwickelten Ansätze könnten hier ein vielversprechender Lösungsweg sein. In Anerkennung seiner herausragenden wissenschaftlichen Leistungen im Bereich digitaler Gesundheitsinterventionen wurde er bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Charlotte- und Karl-Bühler-Preis 2016 für ein Forschungsprogramm, das umfangreichen Einfluss auf die Psychologie und angrenzende Fachgebiete genommen hat.

Karin Höpker

Karin Höpker, Foto: Profoto Erlangen

Kurzzusammenfassung

„The Edge of Reason” beleuchtet zentrale Fragestellungen zur Verknüpfung von Vernunft-, Risiko- und Wahrscheinlichkeitsdiskursen an Beispielen amerikanischer Erzählliteratur. In einer Phase intensiver sozialer und wirtschaftlicher Veränderung vor dem Bürgerkrieg lässt sich in den USA eine interessante diskursive Verschiebung beobachten, innerhalb derer Zukunft zunehmend als offen und kontingent begriffen wird. Neue Semantiken von Risiko und Wahrscheinlichkeit entwickeln sich zeitgleich mit einem steilen Aufstieg fiktionaler Erzählliteratur, und insbesondere der Roman erobert den nationalen Printmarkt. „The Edge of Reason” untersucht, welche Funktion Literatur in gesellschaftlichen Selbstverständigungsprozessen gewinnt und wie sich das Nachdenken über erzählerische Form zu einer Zeit entwickelt, in der statistische und probabilistische Logiken Einzug in Alltagskommunikationen und –praktiken halten. Lektüren ausgewählter kanonischer Texte von Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne, Frederick Douglass und Herman Melville zeigen literarisches Erzählen als zentrale Kulturtechnik einer Epoche, die den Grundstein für unser heutiges Verständnis von Risiko und Spekulation, von Zukunftsungewissheit und Handlungsfolgenabschätzung und von der Vorstellung eines selbstbestimmten, eigenverantwortlichen Individuums legt.

2017

Thomas Grimm

Thomas Grimm, Foto: Karl Harren

Habilitation:

Vorbereitung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bzw. nicht deutscher Erstsprache auf den Übergang Schule – Ausbildung/Beruf: Grundzüge einer Didaktik und Pädagogik der Transition
In der Habilitationsschrift wird untersucht, wie der Übergang von der Schule in die Ausbildung oder den Beruf für Menschen mit Migrationshintergrund erleichtert werden kann. Dabei ist von der Tatsache auszugehen, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund seltener eine betriebliche Ausbildung beginnen als jene ohne Migrationshintergrund. Dies gilt vor allem, wenn kein Schulabschluss bzw. maximal der Hauptschulabschluss erreicht wurde bzw. die Zuwanderung nach Deutschland erst in höherem Alter erfolgte.
Mit der Bewältigung des Übergangs sind Entwicklungsaufgaben auf der individuellen Ebene, auf der interaktionalen Ebene (Aufbau neuer Beziehungen, Verinnerlichung neuer Rollen und -erwartungen) und auf der kontextuellen Ebene (Integration unterschiedlicher Lebensbereiche, evtl. die simultane Bewältigung mehrerer Übergänge) verbunden. Im Zusammenhang damit müssen die Jugendlichen Kenntnisse aus dem Bereich der Arbeits- und Berufsorientierung erwerben. Vergleicht man die sprachlichen Anforderungen in der allgemeinbildenden Schule mit den Anforderungen in der Ausbildung, kommt man zu dem Ergebnis, dass die schulischen Textsorten auf die häufig standardisierten, situationsgebundenen, oftmals an Formulierungsroutinen gebundenen und zur Lösung konkreter Probleme erfolgenden Schreibanforderungen der Ausbildung nicht hinreichend vorbereiten. Zweitsprachlernende müssen gegebenenfalls parallel zu diesen Aufgaben an der Weiterentwicklung der Lernersprache arbeiten.
Um den Übergang durch eine Didaktik der Transition zu erleichtern, muss man in der Schule die Beratung im Hinblick auf die Berufsorientierung ausbauen, auf die sprachlichen Anforderungen der Beruflichen Schulen und die dort etablierten Unterrichtssettings gezielter vorbereiten, den Schülerinnen und Schülern durch kontinuierliche Fehleranalysen und konkret formulierte Rückmeldungen den Bedarf der Weiterentwicklung der Lernersprache aufzeigen und durch schriftlich zu bewältigende, die tiefe Verarbeitung der Unterrichtsinhalte erfordernde Aufgabenstellungen zum stetigen und kumulativen Aufbau bildungs- und fachsprachlicher Kompetenzen beitragen.
Zu diesem Ergebnis kam Thomas Grimm aufgrund seiner empirischen Untersuchungen mit Hilfe eines Datensatzes aus dem Übergangsmanagement einer westdeutschen Großstadt (n=881), in welchem alle Hauptschüler erfasst sind, die nach der neunten bzw. zehnten Klassenstufe die Schule verlassen (mit Abschluss und Übergang). Ferner wurden Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie mit Lehrkräften und anderen Experten geführt und ausgewertet.
Die Untersuchung zeigt, dass die Übergangsmuster nach der neunten und zehnten Klasse für Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund nicht gleich ausfallen, die Unterschiede sind signifikant, aber insgesamt gering. Ferner stellt sich heraus, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund (insbesondere selbst eingewanderte) häufiger die Übergangsberatung in Anspruch nehmen. Zudem weisen sie z.T. spezifische Beratungsbedarfe auf. Es zeigt sich weiterhin, dass viele Schüler unzureichende Begründungen dafür anführen, nicht mehr an der Weiterentwicklung der Lernersprache arbeiten zu müssen.

Dagmar Kiesel

Dagmar Kiesel, Foto: privat

Habilitation:

Perspektiven personaler Identität in der christlichen Spätantike und bei Friedrich Nietzsche
Die kumulative Habilitation untersucht das Themenfeld „personale Identität“ historisch in der (Spät-)Antike (Augustinus und Boethius) sowie bei Nietzsche und systematisch unter dem Aspekt der Relevanz für eine Philosophie der Lebenskunst.
Die antike Philosophie behandelt die Frage „Wer bin ich?“ im Kontext ihres Selbstverständnisses als Lebensform und ihrer eudaimonistischen Intention, die das gute Leben im Blick hat. Personale Identität ist ihr gemäß etwas Wünschenswertes, das in Tätigkeiten aktiven Selbstvollzugs allererst konstituiert werden muss. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Betonung innerpsychischer Kohärenz und Harmonie (das sokratische „Nicht-mitsich- selbst-im-Widerspruch-Stehen“) sowie biografischer Kontinuität und Gleichförmigkeit. Die Realisierung beider ist Gegenstand einer philosophischen epimeleia tês psychês (Seelsorge).
Insofern die therapeutische Ausrichtung der antiken Philosophie bei den christlichen Denkern der Spätantike mit einem religiös fundierten Anliegen um das spirituelle Wohl (Seelenheil) verbunden ist, wurde im Rahmen einer interdisziplinär orientierten Untersuchung ebenso auf philosophische wie auf theologische und psychologische Konzepte zurückgegriffen.
Die Verknüpfung spätantiker christlicher Modelle personaler Identität mit den Überlegungen Nietzsches ergibt sich insofern, als der Altphilologe und Pastorensohn Friedrich Nietzsche sowohl mit den antiken Texten wie auch mit deren christlicher Rezeption vertraut war und die eigene Philosophie ausdrücklich als Kontrastmodell sowohl zum Platonismus als auch zum Christentum verstand – und Augustinus wie Boethius sind platonisierende christliche Denker par excellence. Darüber hinaus ist die Frage nach der Einheit bzw. Fragmentierung der Person ebenso ein zentrales Thema bei Nietzsche wie bei den spätantiken Philosophen.
Augustinus erörtert die Problematik innerseelischer (Dis-)Harmonie und einer gelingenden Identitätskonstitution sowohl in Begriffen eines geeinten bzw. gespaltenen Willens als auch im Rahmen seiner Emotionstheorie sowie seines Tugendkonzepts.
Der Beitrag zu Boethius intendiert den Nachweis der These, dass Boethius in der Consolatio Philosophiae auf der Grundlage seiner Persondefinition in „Contra Eutychen et Nestorium“ unter dem Stichwort „Selbsterkenntnis“ ein normatives Konzept personaler Identität präsentiert und dieses in Gestalt einer narrativen Identitätskonstruktion ausarbeitet. Dabei zeigt sich, dass dieses Konzept personaler Identität sowohl (neu-)platonisch als auch aristotelisch und darüber hinaus auch christlich fundiert ist und somit den synthetisierenden Kongruenzvorstellungen des Boethius (Platon = Neuplatonismus = Aristoteles = Christentum) entspricht.
Nietzsche problematisiert ähnlich wie Augustinus vor allem das Phänomen eines gespaltenen und in sich zerrissenen Selbst. Grundlage seiner Analysen ist sein Konzept der Seele als „Gesellschaftsbau der Triebe und Affekte“ sowie sein darauf basierender erkenntnistheoretischer Perspektivismus. Unter der Prämisse eines grundsätzlich plural und heterogen verfassten Selbst ist die Herstellung innerpsychischer Einheit eine permanente Anforderung an die Person. Gegenstand der Analyse sind die „höheren Menschen“ in „Also sprach Zarathustra“, das von Nietzsche inspirierte Motiv einer fragmentierten Persönlichkeit in Hermann Hesses „Steppenwolf“ sowie eine Überprüfung der These Nietzsches von einer „Vertiefung der Seele“ im Rahmen der Moralentwicklung von Homer über Platon bis zum Christentum.

2016

Alexandra Ganser-Blumenau

Alexandra Ganser-Blumenau, Foto: Foto Weinwurm

Habilitation:

Discourses of Crisis and Legitimacy in Atlantic American Narratives of Piracy, 1678-1865

Die Habilitation untersucht die Konstruktion der Figur des Piraten in einer transatlantisch geprägten nordamerikanischen Literatur und Kultur und fragt, auf welche Weise das kulturelle Imaginäre das ambivalente Potenzial des Piraten als Identifikations- und Alterisierungsfigur ausgelotet hat, um Vorstellungen von Legitimität und Illegitimität in verschiedenen diskursiven Kontexten zu artikulieren und zu verhandeln.

Historisch waren Piraten durch ihre zweifelhaften nationalen, ethnischen und sogar geschlechtlichen Affiliationen und wechselnden Loyalitäten gekennzeichnet. Weil sie sich kategorisch nicht zuordnen ließen, wurden Piraten als mobile Figuren dazu verwendet, die Legitimität konkurrierender bzw. in die Krise geratener Identitätskonstruktionen symbolisch zu verhandeln (z. B. britische Kolonie versus unabhängige Republik, sklavenfreie versus sklavenhaltende Staaten). Die Studie versteht Piraterie als facettenreiche diskursive Kategorie, die sich in einem Kontinuum zwischen Propagierung (post-)kolonialen Abenteuers und Ausbeutung einerseits und kritischem Kommentar zu Gewalt und Unterdrückung andererseits bewegt. Piratinnen und Piraten tauchen in einer Reihe populärer Genres in der atlantischen Welt dieser Periode auf – von Gerichtsreportagen und Galgenpredigten bis zum historischen Roman, vom „Groschenheft“ zur satirischen Karikatur. Die Studie liest diese Texte als symptomatisch für den Stellenwert kultureller Aushandlungsprozesse in der Bewältigung von (zeitgenössisch konstatierten) Krisenszenarien. Sie zeigt auf, wie der Pirat während Krisenzeiten mit (ent)legitimisierender Bedeutung aufgeladen wurde, um damit, wie populärkulturelle Texte von einem Publikum jenseits gesellschaftlicher Eliten forderten, dringliche Legitimitätsfragen anhand dieser Figur zu reflektieren – und damit auch an Debatten um die amerikanische Identität und ihre Zukunft teilzunehmen.

Thomas Steer

Thomas Steer

Habilitation:

Studien zur Nominalbildung des Indogermanischen

Die Habilitationsschrift besteht aus drei Kapiteln, in denen das indogermanische Nomen (Substantiv und Adjektiv) erforscht wird. Teil der Arbeit sind u.a. Forschungsbereiche wie Etymologie (Wortherkunft und Wortgeschichte), Phonologie und Phonetik (Lautlehre) sowie Morphologie (Formenlehre, Wortbildung).

Im Fokus des ersten Kapitels stehen die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung der altgriechischen Vokabel kēla (Plural) „Pfeile, Geschosse“, deren früheste Belege sich in der Ilias finden, jenem homerischen Epos, das vom Trojanischen Krieg erzählt. Der Sprachvergleich macht es wahrscheinlich, dass kēla wohl ursprünglich „das aus Rohr Bestehende“ bedeutete und den Rohrpfeil bezeichnete. Es kann innerhalb des Griechischen mit dem Wort kalamos „Rohr, Schilf“ verbunden werden, das seinerseits mit deutsch Halm und lateinisch culmus „Halm, Stroh“ zusammengehört. Außerhalb des Griechischen ist kēla außerdem mit altindisch śara– „Rohr, Pfeil“ verwandt (altindisch r geht auf l zurück). Die Sprachgeschichte von kēla verrät also auch etwas darüber, wie die indogermanischen Völker Pfeile herstellten, nämlich aus Schilfrohr.

Das zweite Kapitel befasst sich mit dem indogermanischen Wort für „Schwester“, das als *swesor- rekonstruiert werden kann (der Stern kennzeichnet Formen als durch Rekonstruktion erschlossen). Es war die Vorform von z.B. altindisch svasar-, lateinisch soror, russisch sestra und auch deutsch Schwester. Hinsichtlich der Wortbildung und Bedeutung kommt die Untersuchung zu dem Schluss, dass sich das Wort aus zwei Bestandteilen zusammensetzt (*swe-sor- oder *sw-esor-). Dabei bedeutet *sw(e)- „eigen, verwandt“ o.ä. und *-(e)sor- „Frau, weiblich“, das in vokalloser Gestalt -sr- auch in *tri-sr-es verbaut ist, der femininen Form des indogermanischen Zahlworts für „3“. *swesor- bezeichnete dann zunächst die „weibliche Verwandte“ ganz allgemein und später erst – mittels einer Bedeutungsspezialisierung – die „Schwester“.

Ausgangspunkt des dritten Kapitels sind zwei indogermanische Laute, die gewöhnlich abstrakt als h2 und h3 geschrieben werden: h2 steht phonetisch wohl dem ch in deutsch Bach nahe; h3 hatte etwa die Aussprache von berlinerischem g in sagen. Basierend auf diesen phonetischen Ansätzen soll gezeigt werden, dass sich beide Laute in den indogermanischen Sprachen hinter n unter bestimmten Bedingungen zu g entwickeln konnten. Durch diesen Lautwandel, für den es in den Sprachen der Welt Parallelen gibt, ergeben sich für einige bislang unklare Wörter neue Deutungen. Ein Beispiel: Das altindische Wort śr̥ṅgam „Horn“ stammt aus einer lautlich älteren Form *k̂r̥ngom. Das gängige Wort für „Horn“ im Indogermanischen war dagegen *k̂r̥nom, was z.B. auch die Vorform von deutsch Horn ist und kein g enthält. Das g erklärt sich jetzt aber im Rahmen des angenommenen Wandels von nh2 zu ng. Die g-lose Form *k̂r̥nom „Horn“ lautete nämlich im Plural regulär *k̂r̥nah2 „Hörner“. Davon wurde eine neue Form *k̂r̥nh2-om abgeleitet, die sich schließlich zu *k̂r̥ngom weiterentwickelte.

2015

Lars Allolio-Näcke

Lars Allolio-Näcke, Foto: Marco Ermann

Habilitation:

Kulturpsychologie und Anthropologie der Religiösen Entwicklung

Mit seiner Habilitationsschrift betritt Lars Allolio-Näcke in verschiedener Hinsicht wissenschaftliches Neuland. Ist bereits die Kulturpsychologie im Allgemeinen eine wissenschaftlich junge Erscheinung im deutschsprachigen Raum, so kann die Religionspsychologie im Besonderen trotz einer längeren Geschichte auch nicht als etablierte Disziplin, schon gar nicht als psychologische, gelten. Schließlich bringt die Arbeit in eine fast ausschließlich in der praktischen Theologie geführte Debatte eine psychologische Position ein, die dort bislang fehlte.

Die Arbeit stellt die Frage, wie Religion im Menschen entsteht und sich entwickelt. Um diese Frage zu beantworten, prüft Allolio-Näcke zunächst kenntnisreich, differenziert und scharfsinnig die Potenziale der vorhandenen Entwicklungsmodelle. Aus den kritisierten Modellen entwickelt er dann Grundlinien, die es für die Konzeption einer Theorie religiöser Entwicklung zu berücksichtigen gilt, wie zum Beispiel den Entwicklungscharakter von Religion und die Verzögerung religiöser Entwicklung gegenüber der allgemeinen Intelligenzentwicklung.

In seinem eigenen Ansatz trennt Allolio-Näcke einen anthropologischen von einem psychologischen Entwicklungsprozess. Den Beginn der psychologischen Entwicklung setzt er mit der Entstehung und dem Gebrauch von Symbolen an und folgt damit dem Kulturpsychologen Ernst E. Boesch. Nach Piaget entwickeln sich alle Symbole vom Konkreten zum Abstrakten; nach Boesch werden sie aber gleichzeitig immer subjektiver, so dass sie sowohl Valenzen, Emotionen als auch Handlungssicherheit in sich binden. Religion stellt insofern kein in sich abgeschlossenes Handlungs- und Symbolsystem dar, weil alle Symbole dem gleichen Entwicklungsprozess unterliegen. Religiöse Symbole unterscheiden sich nur in ihrem zusätzlichen Transzendenzbezug von anderen Symbolen, in allen anderen Dimensionen ruhen sie auf der normalen (vorangehenden) Intelligenzentwicklung des Menschen. Durch diesen Transzendenzbezug aber erlaubt Religion eine Erfahrung, die ohne religiöse Symbole nicht zu haben ist.

Claudia Jahnel

Claudia Jahnel, Foto: Waltraud Marquardt

Habilitation:

Afrikanische Theologie. Kulturwissenschaftliche Analysen und Perspektiven

Die Untersuchung widmet sich dem Thema Afrikanische Theologie und verfolgt das Ziel, einen systematischen und gleichzeitig am konkreten Gegenstand erläuterten Beitrag zur Debatte um die Interkulturelle Theologie zu leisten.

Einleitend zeigt Claudia Jahnel die zentralen Dimensionen der Bedeutung von Kultur auf und stellt die Rede von der afrikanischen Kultur als Produkt diskursiver Prozesse heraus. Dabei analysiert der erste Teil der Arbeit zum einen den bislang kaum untersuchten wechselseitigen Zusammenhang zwischen afrikanischer Philosophie und Theologie. Zum anderen gibt er einen Einblick in die afrikanische Theologiegeschichte, der durch seine konsequente Orientierung am Kulturdiskurs besticht.

Der zweite Teil bildet das materiale Zentrum der Studie. Er untersucht die Konstruktion der grundlegenden thematischen Kategorien von Kultur – Zeit, Raum und Körper – durch die afrikanische Theologie: In Aufnahme einschlägiger kulturwissenschaftlicher Studien wird aufgezeigt, wie Zeit- und Geschichtskonstruktionen innerhalb der afrikanischen Theologie eingebettet sind in einen Diskurs, der westlich-kolonial dominiert wurde, aber gleichwohl in der Begegnung mit einheimischen Akteuren und ihren Interessen verflochten ist. Mit dem Thema Raum und den Raumkonzeptionalisierungen afrikanischer Theologie wird ein zentrales kulturwissenschaftliches Thema der letzten Jahre aufgenommen, das unter den Begriffen Territorialität, Grenzen oder Ethnoscapes nicht nur theoretische, sondern höchst aktuelle, politische Bedeutung hat. Schließlich werden Körperdiskurse innerhalb afrikanisch-theologischer Diskurse analysiert. Sie stehen in der Spannung zwischen materieller und diskursiver Körperverfasstheit und schließen die Verletzlichkeit des Körpers, Gender-Konstruktionen, Verkörperungspraktiken, moralisch gesteuerte Identitätspolitiken sowie Personen- und Gemeinschaftsverständnis ein.

Der dritte Teil fokussiert auf Fragen der Agency sowie auf das Problem der Kulturhoheit in der afrikanischen Theologie. Vor dem Hintergrund der Einsichten von Edward Said, Homi Bhabha u.a. werden Ansätze beleuchtet, die angesichts kolonialer und postkolonialer Kultur-Vernichtung die Handlungsmacht afrikanischer Akteure akzentuieren. Innovative Perspektiven für die Interkulturelle Theologie beschließen die Untersuchung.

Die Arbeit besticht durch ihren systematisiert interdisziplinären Zugang, mittels dessen herkömmliche Wissensordnungen und Festschreibungen aufgebrochen werden. Afrikanische Theologie tritt als Produkt einer Verflechtungs- und Beziehungsgeschichte mit anhaltender, wechselvoller Dynamik und umkämpfter kultureller Deutungsmacht hervor. Zugleich greift die Untersuchung innovativ in die aktuelle Diskussion um die Neugestaltung der Interkulturellen Theologie ein und leistet einen wesentlichen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Verortung dieser theologischen Disziplin als kritische und orientierende Wissenschaft.

2014

Eva Wattolik

Eva Wattolik

Habilitation:

Zeit und Form – Spiegelungstechniken in der Film- und Videokunst 1963-2013

Die Untersuchung widmet sich der Zeitstruktur der künstlerisch ambitionierten Film- und Videokunst, einsetzend mit dem Initialwerk Nam June Paiks aus dem Jahre 1963 und endend in der Gegenwart. Die als repräsentativ erkannten Artefakte werden nicht nur kunsthistorisch gewürdigt, sondern sinnerhellend auch zu medientheoretischen, musikalischen, neurowissenschaftlichen, philosophischen Diskursen in Relation gesetzt.

Die Arbeit erörtert signifikante Werke nach verschiedenen Gesichtspunkten. Der erste Abschnitt trägt den Titel „Bild und Bewegungsbild“ und behandelt verschiedene Kameraeinstellungen, etwa jene, die sich der ästhetischen Qualität eines statischen Bildes nähern, aber auch „Bildabfolgen“. Zu ihnen werden Arbeiten gezählt, die über den Weg der Wahrnehmungstäuschung aufeinander folgende Momente als Handlungsabläufe suggerieren, oder Verfahren, die einen Film – wie etwa Hitchcocks „Psycho“ – durch eine extreme Verlangsamung der Bilderfolge zu einer Reihe von Standbildern desintegrieren.

Ein zweiter Teil widmet sich speziell den Verlaufsformen, darunter etwa „rückläufigen Figuren“ analog zur musikalischen Form des Krebsganges, sowie der Anwendung des aleatorischen Prinzips. Zu den speziellen Verlaufsformen zählen u. a. auch Endlosschleifen („Loops“), die auf ihre Bedeutung für Bewegungsmuster und entwicklungslogische Narrationen in einer zirkulären Struktur untersucht werden. Als Referenzen erscheinen z. B. die Minimal Music der 60iger Jahre (Philipp Glass) und die Entwicklungsdynamik eines Gilles Deleuze.

Der dritte Teil ist schließlich dem Verhältnis von Zeit und Raum gewidmet. Er verfolgt speziell mehrkanalige Film- und Videoinstallationen, wie sie sich u. a. in Panoramaansichten darstellen. Fortgesetzt werden die Ausführungen mit Darlegungen zu Versuchsaufbauten, genauer zu Demonstrationen des Spiels mit Rückkoppelungen. Dabei konnte es zu einer Annäherung an die kinetische Kunst eines Naum Gabo sowie zur Fluxus-Bewegung kommen. Wiederholt werden die Tendenzen zur Ikonologisierung vielfach schlichter Formbestände, die den Diskurs in der Video- und Filminterpretation bestimmen; sie werden aufgegriffen und zielführend vertieft.

Der virtuose strukturelle Aufbau der Untersuchung leistet eine erkenntnisfördernde Typologie der unterschiedlichen Avantgarde-Strömungen entlang der Achse der Zeitreflexion. Damit wurde ein substantieller kunsthistorischer und bildwissenschaftlicher Beitrag zur Erforschung der Video- und Filmkunst der jüngsten Vergangenheit geleistet. Mit großer analytischer Schärfe und einer eingängigen Sprache jenseits aller Jargons gelang es, einen differenzierten systematischen Überblick über das anspruchsvolle Thema zu geben und völlig neue Betrachtungsperspektiven für diese rezente Kunstform zu eröffnen. Als Grundlagenwerk wird die Habilitationsschrift vor allem die Diskurse mit den Nachbarfächern Musik- und Medienwissenschaft nachhaltig befruchten.

Jan Weyand

Jan Weyand

Habilitation:

Historische Wissenssoziologie des modernen Antisemitismus. Genese und Typologie einer Wissensformation am Beispiel des deutschsprachigen Diskurses

Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Stabilisierung des Antisemitismus vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert anhand von antisemitischen Texten im deutschsprachigen Raum. Ziel der Arbeit ist es, das bisher in der Forschung erreichte Verständnis des antisemitischen Judenbildes zu verbessern. Zu diesem Zweck wird im Unterschied zu vielen anderen Arbeiten zum Thema das antisemitische Judenbild nicht isoliert untersucht, sondern im Kontext der Herausbildung einer modernen Sozialordnung und den damit verbundenen nationalen Selbstbildern. Die Arbeit zeigt, dass dem radikalen Ausschluss der Juden im modernen Antisemitismus derselbe sozialhistorische Prozess der Nationalstaatsbildung zu Grunde liegt, der auch zur Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert führt.

Nach einer Diskussion des Forschungsstandes, der Begründung des „historisch-wissenssoziologischen“ Zugangs zum Thema und der Einführung der für die weitere Untersuchung zentralen Begriffe und Methoden folgt der empirische Hauptteil der Arbeit. Zunächst wird die Entstehung der Frage nach der Gleichstellung von Juden und Christen als Bürger eines Staates untersucht, dann die frühen antisemitischen Reaktionen auf die Forderung nach Gleichstellung im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Ein Zentrum der Untersuchung bildet die Beantwortung der Frage, auf welche sozialstrukturellen Prozesse sich das antisemitische Judenbild und das ihm korrespondierende nationale Selbstbild zurückbeziehen lassen. Anschließend wird die Entwicklung des Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert als Prozess der Verfestigung typischer Muster des antisemitischen Judenbildes und des zugehörigen Selbstbildes beschrieben. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Typologie des modernen Antisemitismus.

Die Arbeit besticht durch die immense Kenntnis einschlägiger Literatur, ein intensives historisches Quellenstudium sowie die gelungene Synthese des historischen, ideengeschichtlichen und soziologischen Blicks auf die Entwicklung des modernen Antisemitismus. Sie verbindet in überzeugender Weise mehrere Ebenen des gesellschaftlichen Wandels, als dessen Bestandteil sie auch den Wandel eines religiös legitimierten zu einem national legitimierten Antisemitismus begreift. Sie geht den tragenden materialen Faktoren der Modernisierung europäischer Gesellschaften nach, zeigt die Repräsentationsweisen dieser Faktoren in der Begrifflichkeit, durch die sich die Gesellschaften als Nationalstaaten selbst beschreiben, um schließlich den Niederschlag dieser Prozesse im Wandel des Antisemitismus nachzuzeichnen. Damit kann sie diesen Wandel als einen zerstörerischen Bestandteil des Modernisierungsdiskurses aufzeigen. In diesem Sinne legt Weyand nicht nur eine sachlich und methodisch beeindruckende Abhandlung zum Problem des Antisemitismus vor. Seine Arbeit besitzt vielmehr eine weit darüber hinaus gehende allgemeinsoziologische, gesellschaftstheoretische Relevanz für die Klärung von komplexen sozialen Prozessen in der Langzeitperspektive.

2013

Doris Gerstl

Doris Gerstl

Habilitation:

Die Wahlplakate der Spitzenkandidaten der Parteien bei den Bundestagswahlen von 1949 bis 1987

Die dreibändige Arbeit bietet eine retrospektive Analyse der Porträtplakate der Bundesrepublik Deutschland von ihrer Gründung bis zur Wiedervereinigung. Als Quellenbasis dienen die Dokumente, die die werbenden Parteien zu den elf Wahlkämpfen in Archiven verwahren. Sie werden sämtlich als Ergebnis jahrelanger intensiver Archivrecherchen in einem Katalogband nach einer differenziert aufschließenden Maske vorgestellt bzw. in einem Textband nach verschiedenen Seiten methodisch sorgsam analysiert. Ein dritter Band enthält die Bildzeugnisse.

Eingeleitet wird die Untersuchung mit Definitionen der Begriffe „Wahlen“, „Parteien“, „Kanzlerwahl“ etc. sowie „Plakat“ als jenem Medium, in dem die politischen Aussagen der Parteien und ihrer Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers extreme Verdichtung erfuhren. Das anschließende Kapitel gibt einen Abriss über die Zugänge diverser Wissenschaften zum Thema Wahlwerbung. Dazu zählt auch die Kunstgeschichte, deren Kernkompetenz die Analyse historisch-politischer Zeugnisse und der mit ihnen verbundenen Bildstrategien ausmacht.

Danach widmet sich die Untersuchung der Historie des Porträtplakats vor 1949. Im Folgenden werden die 143 Plakate der Spitzenkandidaten der elf Bundestagswahlen eingehend untersucht. Ausführungen zur Organisation der Wahlkämpfe, den Strategien und Slogans schließen sich ebenso an wie Erörterungen zur Gestaltung der Bildmedien, ihren Herstellern und zur Finanzierung.

In einem resümierenden Großkapitel betrachtet Gerstl das westdeutsche Spitzenkandidatenplakat unter verschiedenen Gesichtspunkten. Diese Ausführungen leiten über zu einem spezifisch kunsthistorischen Kapitel, zur Ikonographie der Plakate und ihren Bildstrategien. Darauf folgen Darlegungen zur Typographie der Texte, zu den verwendeten Farben, den Parteiensignets sowie zur Rolle der Demoskopie und der Agenturen.

Die ausgezeichnete Arbeit stellt die Forschung zu Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland auf eine neue, breite und gesicherte empirische Grundlage. Dies geschieht nicht allein auf Basis der Erschließung und skrupulösen Aufbereitung des riesigen Quellenkorpus und der Bilddokumente, sondern auch durch die Verarbeitung der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlichster Fächer. Ihre Einsichten erfahren eine kritische interdisziplinäre Zusammenführung, die als Basis für weitere Forschungen dienen wird.

Astrid Zech

Astrid Zech

Habilitation:

Sensomotorik und sportliches Training

In ihrer kumulativen Habilitationsschrift setzt sich Astrid Zech vor allem mit Fragen übungs- bzw. trainingsbedingter Beeinflussbarkeit der sensomotorischen Kontrolle auseinander. Das sensomotorische System umfasst all jene Komponenten des menschlichen Organismus, die in Interaktion für die Erzeugung und Kontrolle motorischen Verhaltens von Bedeutung sind, also die entsprechenden Bestandteile des zentralen und peripheren Nervensystems sowie das Muskel-Skelettsystem. Infolge von zunehmendem Alter, Ermüdung, Verletzungen oder erkrankungsbedingt kann die sensomotorische Kontrolle verändert sein, so dass es zu Einschränkungen der allgemeinen körperlichen Funktionalität kommt. In der Konsequenz unterliegen betroffene Personen oftmals einem erhöhten Risiko für Verletzungen, Stürze oder Erkrankungen des Bewegungssystems.

Astrid Zech befasst sich in ihren Arbeiten mit Methoden, die auf eine vielfältige Stimulation peripherer sensorischer Wahrnehmungen und somit auf die Beeinflussung pathophysiologischer oder eingeschränkter Mechanismen der sensomotorischen Kontrolle abzielen. Ihre Untersuchungen richten sich einerseits auf das Feld des Leistungssports mit dem Problem der Prävention und Rehabilitation von Sportverletzungen und andererseits auf die Analyse von Übungs- und Trainingseffekten bei gebrechlichen alten Menschen. In beiden Fällen bewegt sie sich in Forschungsfeldern mit erheblicher praktischer bzw. klinischer Relevanz. Dabei vollzieht Astrid Zech eine methodisch aufwändige Aufarbeitung der aktuellen Evidenz für die Wirkungen sensomotorischen Trainings im Leistungssport.

Aus den weiteren in diesem Kontext initiierten, methodisch anspruchsvollen Interventionsstudien wurden erstmals ermüdungsabhängige Veränderungen der sensomotorischen Kontrolle nachgewiesen, die das erhöhte Risiko von Wiederverletzungen zum Ende von Wettkampfbelastungen hin erklären können. In Bezug auf den für alte Menschen wichtigen Erhalt der individuellen motorischen Kontrolle und der Mobilität befasst sich Astrid Zech einerseits mit der Entwicklung und Anwendung diagnostischer Verfahren zur Erfassung motorischer Funktionen, hier insbesondere der für Sturzprophylaxe und Alltag wichtigen Fähigkeit zur schnellen Produktion von Muskelkraft. Andererseits werden im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Studie die mittel- bis langfristigen Wirkungen von Trainingsinterventionen bei alten Menschen mit bereits reduzierten motorischen Funktionen untersucht.

In ihren Studien kann Astrid Zech zeigen, dass insbesondere eine vermehrte Stimulation posturaler Funktionen und neuromuskulärer Strukturen für die Verbesserung der sensomotorischen Kontrolle wirksam ist.