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„Märchen machen glücklich“ – Interview mit Prof. Dr. Maren Conrad zu ihrem neuen Sammelband

Prof. Dr. Maren Conrad vom Department Germanistik und Komparatistik, Inhaberin der Juniorprofessur für Kinder- und JugendliteraturFAU/Georg Pöhlein

„Es war einmal…“ – drei so einfache Wörter und doch ist keine weitere Ausführung notwendig, um zu wissen, dass von einem Märchen die Rede ist. Märchen gelten als Kulturgut, sind für viele Menschen Kindheitserinnerungen und doch stehen sie auch in der Kritik für ihre Klischees und veralteten Rollenbilder. Zeitgemäße, progressive Geschichten über Heldinnen und Helden sind gefordert und tatsächlich begegnen sie uns in Buchform, als Computerspiel oder im Film- und Fernsehen.

Umweltthemen und Anti-Rassismus bei Pixar- und Disneyfilmen sowie Game of Thrones als Heldenepos – allesamt ganz klar moderne Märchen, sagt Prof. Dr. Maren Conrad, Professorin für Neuere deutsche Literatur mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliteratur. Beiträge aus einer von ihr organisierten Ringvorlesung, die sich mit genau diesen Formaten befassen, hat sie in einem Sammelband zusammengefasst, der im April 2020 erschien. Kann ein Computerspiel ein Märchen sein und sind Models die neuen Prinzessinnen? Mehr dazu im Interview.

Hier geht’s zum Sammelband „Moderne Märchen“

Frau Prof. Conrad, warum lesen und hören wir so gerne Märchen?

Wenn man es eine ganz einfache Formel bringen möchte: Märchen machen glücklich. Sie geben Hoffnung. Das traditionelle Märchen, wie wir es von den Grimms kennen, hat ganz düstere Momente. Aber es geht immer gut aus. Und es hat Helden und Heldinnen, die es verdient haben, glücklich zu sein. Sowas ist in der modernen Welt, in der wir heute leben, wertvoll. Unsere Leben werden immer komplexer und Glück ist darin manchmal wirklich schwierig zu fassen. Dann ist es einfach beruhigend, eine Geschichte lesen oder hören zu dürfen, von der man weiß, dass darin das Gute siegen wird. Das wohlige Gefühl das uns ein erhofftes ‚Happy End‘ bringt und das wir aus so vielen Medien heute kennen, ist eines der wichtigsten Erben des Märchens für unsere Kultur.

Worin unterscheiden sich moderne Märchen von den Klassikern?

Die Hauptunterscheidung liegt sicherlich im Format. Märchen waren früher erst mündlich überlieferte Volksmärchen , dann in Büchern gesammelte Kunstmärchen. Heute können Märchen als Film, Bilderbuch, Hörbuch, Serie, interaktive Ausstellung, Comic oder Computerspiel daherkommen. Sie funktionieren aber immer noch wie die eher kurzen Geschichten von Grimm und Co: Der Kampf gegen das Böse gelingt auch hier jedes Mal! Aber: Er kann schonmal etwas komplexer und länger dauern. Was Hänsel und Gretel in sieben Tagen und auf sieben Buchseiten gelingt, dafür braucht Harry Potter sieben Schuljahre und sieben Buchbände.

Sammelband "Moderne Märchen"

Der Sammelband zur Ringvorlesung „Moderne Märchen“

Mit welchen Themen befassen sich zeitgenössische Märchen und warum?

Die Kernmotive des Märchens sind bis heute ganz zeitlos, denn Märchen gelten schon seit den Brüdern Grimm als Erziehungsbücher. Dementsprechend behandeln sie Urängste von Kindern: Der Tod eines oder beider geliebten Elternteile, die Angst vor Hunger und einem Leben in Armut, die Warnung vor bösen Menschen, die sich verstellen und vor den Gefahren, die im Unbekannten lauern. Diese Themen betreffen Hänsel und Gretel ebenso wie Harry Potter.

Märchen, egal in welcher Zeit, zeigen uns immer Heldinnen und Helden, die solche Herausforderungen meistern und dafür reich belohnt werden. Es geht also im Märchen immer darum, dass ein Kind lernt, kompetent mit der Welt umzugehen.

Moderne Märchen erweitern dieses Motiv nun um die Themen und Aspekte, die das Leben von Kindern im 21. Jahrhundert ausmachen. Für ein modernes Kind ist es nicht mehr die größte Herausforderung, den richtigen Weg durch den Wald zu finden, sondern in der Schule gute Noten zu bekommen. Also wird das Leben in der Schule ein wichtiger Teil des Märchens. Aus der Angst vor Armut wird die Angst vor Mobbing in der Schule, weil man kaputte Kleider trägt und aus der Warnung vor dem bösen Wolf vielleicht ein Entführungsversuch, den es zu bewältigen gilt.

Was auch immer konstant bleibt, sind zentrale Werte. Werte sind schon in frühen, oft noch sehr christlich konnotierten Märchen wichtig. Dazu zählen die typischen Tugenden der Märchenheldinnen, wie Liebe, Treue, Güte, Mut, Freundschaft und Menschlichkeit. Diese Werte sind bis heute wichtig geblieben und spielen in der gesamten Kinderliteratur eine zentrale Rolle. Neu hinzugekommen sind aber sicherlich Werte wie Autonomie und Individualität, Toleranz und Vielfalt, Bildung und kritisches Denken, die heute immer wichtiger werdende Werte unserer modernen Gesellschaft sind.

Skandinavische Kinderbücher scheinen ihrer Zeit voraus zu sein: Die Geschichten rund um das starke und unabhängige Mädchen Pippi Langstrumpf zum Beispiel erschienen in den 1940er Jahren. Sind Märchen dort nach wie vor progressiv?

Unbedingt! In Skandinavien spielen Themen solche Themen die mit Vielfalt zu tun haben, also Diversität, Intersektionalität und Inklusion besonders für Kindergärten und Schulen eine zentrale Rolle und das zeigt sich auch in der Literatur. Astrid Lindgren hat da mit ihren Büchern sicher Maßstäbe gesetzt, sie schreibt ja schon immer auch über schwierige und märchentypische Themen, wie Tod, Einsamkeit, Krankheit und Armut. Dieser Tradition folgen auch moderne skandinavische Märchen. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist eine neue Version von Aschenputtel, in der sich Aschenputtel in die Prinzessin verliebt, in einem Regenbogenkleid auf den königlichen Ball geht und dort ihre Brüder aussticht – Prinzessin und Aschenputtel heiraten natürlich am Ende, den die Liebe zwischen zwei Menschen ist ja bekanntlich alles was zählt – und sie leben natürlich glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Besonders spannend an skandinavischen Märchen ist, dass diese Vielfalt auch politisch gelenkt ist. Der Aufsatz von meiner Kollegin Karina Brehm hier von der FAU berichtet darüber sehr schön, also sowohl von innovativen schwedischen Kinderbüchern als auch davon, dass in Schweden extra ein geschlechtsneutrales Pronomen eingeführt wurde, das in Kinderbüchern für kleine Kinder verwendet wird.

Doch nicht nur die Themen machen ein modernes Märchen aus, sondern auch das Medienformat. Welche Beispiele gibt es da?

Das schöne an Märchen ist, sie sind unendlich wandelbar. Es geht ja nicht nur um die ganz typischen Märchen, die wir von den Brüdern Grimm oder Andersen kennen. Vielmehr geht es um eine bestimmte Art von Geschichte und um bestimmte Märchenmotive und Figurentypen, die zum Beispiel Disney und Pixar seit Jahrzehnten sehr erfolgreich immer wieder neu kombiniert, obwohl der Kern der Geschichten immer gleich märchenhaft bleibt. Darum ist Wall-E eben ein modernes Märchen, genau so wie Findet Nemo – obwohl es bei beiden Filmen um ein ganz neues Thema geht, nämlich Umweltverschmutzung und Naturschutz.

In der populären Kultur werden Märchenmotive immer wieder verwendet um moderne Phänomene zu verhandeln. Auch das haben wir in unserem Sammelband untersucht: Germanys Next Topmodel arbeitet zum Beispiel mit solchen Märchenmotiven, wenn es die Siegerin am Ende als glitzernde Prinzessin präsentiert. Die Serie Game of Thrones nutzt von Drachen, Hexen und Prinzessinnen ganz viele typische Märchenmotive und baut diese in ein blutiges und erotisches Märchen für moderne Erwachsene um und auch in Superman-Comic lassen sich solche Spuren nachweisen.

Inwiefern kann auch ein Computerspiel ein Märchen sein?

Computerspiele eignen sich sogar besonders gut für Märchen! Denn diese sind ja interaktiv. Und wir alle kennen aus unserer Kindheit noch die Zeit, in der wir Märchen selber nachgespielt, das Schwert gegen den Drachen geschwungen und die Prinzessin gerettet haben – genau das machen Computerspiele nun auch. Und genau so wie moderne skandinavische Märchen haben sie dabei, weil es sich um ein so neues Medium handelt, das Potenzial, innovativ zu sein und Vielfalt zu ermöglichen. So gibt es zum Beispiel vom Goetheinstitut tolle Märchen für Kinder als Computerspiel, in denen die Kinder selbst entscheiden können, ob die Prinzessin den Drachen vor der bösen Stiefmutter retten soll, oder der Drache die Stiefmutter vor der bösen Prinzessin, oder alles ganz anders laufen soll.[1] Solche interaktive Märchenformate zeigen ganz toll, was Vielfalt bedeutet und was das moderne Märchen alles kann.

 

Vielen Dank für das Interview!

[1] http://www.goethe.de/lrn/prj/mlg/mud/spi/deindex.htm