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Sibirische Neandertaler stammten von verschiedenen europäischen Populationen ab

FAU Archäologen bei einer Ausgrabung in Sibirien
Mit feinem Grabungswerkzeug wird die ehemalige Oberfläche, auf der sich die Chagyrskaya-Neandertaler vor 50.000 Jahren aufgehalten haben, freigelegt.K. Kolobova/Institute of Archeology and Ethnography of the Siberian Branch of the RAS

Es ist bekannt, dass sich Neandertaler von Europa bis nach Südsibirien ausgebreitet haben, doch wann und woher die sibirischen Neandertaler konkret kamen, war bislang ungeklärt. Diesen Fragen ist nun Thorsten Uthmeier, Professor für Ur- und Frühgeschichte, mit einem internationalen Forscherteam nachgegangen und hat seine Ergebnisse in der US-amerikanischen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) veröffentlicht.

Dafür haben sie Werkzeuge aus der Chagyrskaya-Höhle im russischen Teils des Altai Gebirges untersucht. Die Fundstelle wird seit 2019 im Rahmen eines DFG-Forschungsprojektes gemeinsam mit dem Institute of Archeology and Ethnography of the Siberian Branch der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk ausgegraben. Zwei Hauptfundschichten erbrachten neben Steinwerkzeugen und Knochen der Jagdbeute auch zahlreiche Neandertaler-Fossilien. Nachdem das Team zunächst festgestellt hatte, dass die Steinwerkzeuge keiner der zeitgleich im Altai bestehenden Gruppen ähneln, suchten sie in größeren Entfernungen nach Vergleichsfunden. Überraschender Weise boten Fundstellen in Zentral- und Osteuropa die besten Parallelen. Wichtige Argumente für die Zugehörigkeit der Chagyrskaya-Höhle zum sogenannten „Micoquien“ – so die Bezeichnung für die entsprechende Steingeräte-Industrie – liefern u.a. geometrisch-morphologische Analysen von 3D-Modellen der gescannten Werkzeuge. Die Scans stammen vor allem von Vergleichsfundstellen aus Bayern, unter denen die FAU-eigene Sesselfelsgrotte zahlenmäßig an Stücken am stärksten vertreten ist.

Fund in der FAU-Sesselfelsgrotte: Typisches Werkzeug des mittel- und osteuropäischen Micoquien. Es handelt sich um ein „Keilmesser“ aus grauem Jura-Hornstein. Das Stück ist mit seiner Unter- und Oberseite wiedergegeben. Die messerscharfe gerade Arbeitskante ist jeweils nach zur Bildmitte orientiert, der stumpfe „Griff“ befindet sich im unteren Teil. (Bild: FAU/W. Weißmüller)

DNA-Untersuchen zeigen, dass es mehrere Migrationswellen gegeben hat

Ebenso spannend wie die damit geklärte Herkunft sibirischer Neandertaler-Gruppen ist die Tatsache zu werten, dass anhand von DNA-Analysen an Neandertalerknochen und an Sedimenten aus der Chagyrskaya-Höhle direkte Verbindungen zu Neandertaler-Populationen in Kroatien und Nordkaukasus nachgewiesen werden können, die ebenfalls auf eine großräumige Migration hinweisen. Vollkommen unerwartet war in diesem Zusammenhang allerdings die Erkenntnis, dass sich die Neandertaler der Chagyrskaya-Höhle genetisch von einer zweiten Altai-Gruppe aus der Denisova-Höhle deutlich unterscheiden. Dieser Befund passt gut zu der Beobachtung, dass die Denisova-Neandertaler offenbar keine Werkzeuge des Micoquien gekannt haben. Daher muss von einer mehrfachen Ausbreitung von Neandertalern nach Sibirien ausgegangen werden

Die interdisziplinären Forschungen zu den Neandertalern aus der Chagyrskaya-Höhle, bei denen auch bayerische, durch die FAU untersuchte Fundstellen eine wichtige Rolle spielen, zeigen eindeutig, dass eine Ausbreitungswelle von Gruppen dieser Menschenart vor 60.000 Jahren in Mittel- und Osteuropa ihren Ursprung hat. Gleichzeitig gelang den Forscherinnen und Forschern aus Novosibirsk um Prof. Ksenia Kolobova und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg der seltene Nachweis dafür, dass Bevölkerungsbewegungen anhand von typischen Elementen der kulturellen Ausstattung nachgewiesen werden können.

Originalartikel: https://www.pnas.org/content/early/2020/01/21/1918047117