Die Welt der Sprachen erforschen – Reihe „Frauen in der Wissenschaft“

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Dr. Melanie Hanitsch (Foto: Christian Miller)

Dr. Melanie Hanitsch untersucht die arabische Diglossie und taucht in 2000 Jahre Sprachgeschichte ein

In der Reihe „Frauen in der Wissenschaft“ wird Dr. Melanie Hanitsch vorgestellt, die neben einer Reihe europäischer Sprachen auch fließend Hebräisch und Arabisch spricht und sich für Ihre Habilitation ein herausforderndes Forschungsgebiet ausgesucht hat: die verschiedenen Varietäten des Arabischen und deren Entstehung.

„Das Arabische ist ein wahres Paradies für Sprachwissenschaftler*innen“,

sagt Dr. Melanie Hanitsch und sie weiß, wovon sie spricht, denn sie ist Linguistin und Arabistin und arbeitet als Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Arabistik und Semitistik.

Als ob die arabische Sprache für deutsche Muttersprachler*innen nicht schon schwierig genug wäre, steigt Dr. Hanitsch zusätzlich richtig tief in die Geschichte der Sprache ein und erforscht Aspekte dessen, wie sich das Arabische im Laufe seiner mindestens 2000-jährigen Geschichte hinweg entwickelt hat.

Ihre Begeisterung kommt deutlich durch, wenn sie über ihre Forschung spricht und tatsächlich weist das Arabische erstaunliche Merkmale auf – „doch grundsätzlich finde ich erst einmal alle Sprachen faszinierend“, sagt sie und lacht. Dass sie sich schließlich den semitischen Sprachen widmet und einen Schwerpunkt im Bereich des Arabischen ausgebildet hat, ist – wie so vieles im Leben – eine Verkettung von glücklichen Zufällen und fing in der Schulzeit an. Bereits als Schülerin hat sie sich hobbymäßig im Selbststudium Sprachen beigebracht, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg, wie sie augenzwinkernd verrät.

Der Weg in die Wissenschaft

Die Affinität dafür wurde ihr schon in die Wiege gelegt, denn Melanie Hanitsch ist zweisprachig mit Deutsch und Französisch aufgewachsen. „Wenn man zwei Muttersprachen hat, gerne Sprachen lernt und sich damit auch leichttut, heißt es oft ‚Da kannst du ja Lehrerin oder Dolmetscherin werden‘. Für mich war aber schon früh klar, dass ich Wissenschaftlerin werden möchte, um mich intensiv mit der Struktur, dem Gebrauch und der Entwicklung von Sprachen auseinandersetzen zu können. Daher habe ich mich entschieden, einen Bachelor in Linguistik zu absolvieren“, erklärt sie. Hier wählte sie den Schwerpunkt ,Semitische Sprachen‘ und lernte intensiv Hebräisch und Arabisch, sodass als nächster Schritt ein Studium der Orientalischen Philologie nur folgerichtig erschien.

Warum nun ausgerechnet Arabisch?

„Vieles von dem was ich an der arabischen Sprache besonders spannend finde“, erklärt Dr. Melanie Hanitsch, „hat in unmittelbarer oder in mittelbarer Weise mit der besonderen Form der kollektiven Zweisprachigkeit zu tun, die bis heute und seit weit über tausend Jahren in der arabischen Welt herrscht: die sogenannte Diglossie. Diglossie bedeutet, dass in einer Sprachgemeinschaft zwei Sprachen in komplementärer Weise in unterschiedlichen kommunikativen Situationen verwendet werden.“
Ganz konkret muss man sich das oft so vorstellen, dass eine dieser Sprachen die formelle Kommunikation abdeckt und zum Beispiel im Schriftlichen oder bei Reden und Predigten genutzt wird.

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Dr. Melanie Hanitsch habilitiert am Lehrstuhl für Arabistik und Semitistik

Die andere Sprache hingegen findet typischerweise im Alltag Verwendung. Das erinnert erst einmal an den Gegensatz zwischen dem Hochdeutschen und den Dialekten. Im Arabischen ist aber die Trennung der Gebrauchssphären der beiden Sprachen viel schärfer, so dass es zum Beispiel auch keine primären Muttersprachler*innen des Hocharabischen – gibt, sondern nur der Dialekte! Auch sind die Unterschiede zwischen dem Hocharabischen einerseits und den zahlreichen Modernen Arabischen Dialekten so groß, dass es sich um jeweils eigenständige Sprachen handelt.

„Einige Forschende der Arabistik vergleichen den Grad, in dem sich das Hocharabische von den lokalen Dialekten unterscheidet, mit dem Lateinischen gegenüber den modernen romanischen Sprachen, also Französisch, Italienisch, oder auch Rumänisch. Studierende der Orientalistik machen auch häufig die leidvolle Erfahrung, dass sie selbst nach drei bis vier Semestern Studium des Hocharabischen sich in einem arabischen Land nicht verständigen können und den lokalen Dialekt noch einmal als ,gesonderte Sprache‘ lernen müssen. Das ist also Faszinationspunkt Nr. 1: Viele Sprachen in einer!“

Die modernen Arabischen Dialekte werden dem sogenannten ‚Neuarabischen‘ zugeordnet, dessen Wurzeln – anders als der Name es nahelegt – 2000 Jahre zurückreichen. Sie werden bei spontaner mündlicher Kommunikation verwendet und dabei ist es ganz egal, in welcher Verbindung die Gesprächspartner stehen oder um welches Thema es geht. Durch die sozialen Medien sickern diese Dialekte zunehmend auch in die schriftliche Kommunikation ein.

Das Hocharabische gilt hingegen als Repräsentant des ‚Altarabischen‘ und geht auf das Klassische Arabisch zurück, das teilweise dem Modell des Korans und der vorislamischen Dichtung folgt und ab dem 8. Jahrhundert in Erscheinung tritt. Damit ist das Hocharabische, also die heutige Sprache der Medien und der formellen schriftlichen Kommunikation, strukturell sehr altertümlich. „Unterm Strich“, erklärt Melanie Hanitsch, „ist es mit der arabischen Diglossie ein bisschen so, als würde man heute in Italien zwar in allen Lebenslagen Italienisch sprechen, es aber weder in der Schule unterrichten noch überhaupt als Landessprache anerkannt haben und stattdessen Nachrichten, Zeitungen, Bücher und formelle Schreiben in Latein verfassen. Als ich das erste Mal in der Sprachpraxis damit konfrontiert war, hat mich das so fasziniert, dass ich seitdem nicht mehr von dieser Sprache lassen kann – Faszinosum Nummer 2!“

Ihre Forschung

Durch diese besondere Situation der Diglossie ergeben sich interessante soziolinguistische Forschungsfelder. Da man für die Dialekte nie verbindliche sprachliche Normen ausformuliert hat, wurden diese Sprachen auch nicht in ein ‚starres Regelkorsett gepresst‘ und das Neuarabische konnte sich in rund 2000 Jahren besonders ‚ungestört‘ entwickeln und eine beeindruckende Vielfalt an Ausdrucksmitteln ausbilden. „Ein bisschen kann man diese Situation vergleichen mit einem Urwald, wo man ja auch eine größere Diversität und Vielfalt erwartet – in diesem Fall an Lebensformen, als beispielsweise in einer akribisch gepflegten Blumenrabatte.“

Melanie Hanitsch forscht allgemein zu den verschiedenen Varietäten des Arabischen, also Alt- und Neuarabisch, und speziell zu der Schnittstelle zwischen Syntax und Semantik. Generell ermöglicht Sprache einen ganz besonderen Einblick in das menschliche Denken – in den arabischen Dialekten besonders interessant: Aufgrund der fehlenden sprachlichen Normierung wird hier deutlich sichtbar, in welch hohem Maße, die Art und Weise, wie Menschen ihre Umgebung und Lebenswirklichkeit wahrnehmen und klassifizieren, Einfluss hat auf die Entstehung und fortlaufende Entwicklung der grammatischen Strukturen. Hinzu kommt der individuelle Gebrauch dieser Strukturen in konkreten kommunikativen Situationen. Dieser kann zum Beispiel Aufschluss darüber geben, ob jemand etwa ein ‚Objekt‘ als belebt oder unbelebt oder auch als abstrakt oder konkret wahrnimmt.

„Um zurück auf den Vergleich mit einem Urwald zu kommen: In der Sprachwissenschaft geht es uns ja nicht nur darum, dass wir in der großen Vielfalt etwas Neues entdecken, sondern auch und vor allem darum, was uns dieses Neue sagen möchte“, ergänzt sie.

Was ‚machen‘ Menschen mit Sprache, das heißt wie gebrauchen sie sie – auch in kreativer Weise – und wie formt das dann im Gegenzug die sprachliche Struktur.

Das Dialektarabische weist für derartige gebrauchsbasierte Innovationen unzählige Beispiele auf: „Teilweise haben die arabischen Dialekte unabhängig voneinander aus Ausdrücken des Stehens, Sitzens und Zeigens grammatische Marker für Zeitangaben entwickelt. In vielen Jüdisch-Arabischen Dialekten geht etwa eine Formulierung wie ‚ich laufe gerade‘ zurück auf ‚ich sitze, wobei ich laufe‘. Oder in Algerien geht ‚ich esse gerade‘ zurück auf ‚schau mal wie ich esse‘.

Ein großes und wichtiges Thema der Arabistik ist die Frage, wie und wann die Diglossiesituation, die schon seit Jahrhunderten stabil besteht, entstanden ist. An dieses Thema lehnt sich auch Melanie Hanitschs aktuelles Forschungsprojekt an, in dessen Rahmen gerade auch ihre Habilitationsschrift entsteht. Für ihre Habilitation hat sie ein Stipendium der Bayerischen Frauenförderung erhalten und ist von ihrer Lehrtätigkeit beurlaubt, um sich voll und ganz der Habilschrift zu widmen.

Nächster Schritt: Habilitation – oder ‚ich sitze, wobei ich habilitiere‘

Für ihre Habilitation hat sie einen radikalen Wechsel von Objektsprache und Epoche vollzogen: Von den modernen arabischen Dialekten ins vorklassische Arabisch, zu dem auch der Koran gezählt wird.
Das vorklassische Arabisch findet sich in den ältesten überlieferten Texten, deren Entstehung und anfänglich mündliche Weitergabe zum Teil bis ins 6. Jahrhundert nach Christus zurückverfolgt werden kann. Es umfasst aber auch Texte aus frühislamischer Zeit bis etwa Mitte des 8. Jahrhunderts – also auch die ersten gut 100 Jahre des Islams.

Der Koran (7. Jh. n. Chr.) wird zum vorklassischen Arabisch gerechnet. Er zeugt in mancherlei Hinsicht von der Dialektvielfalt, die zum Zeitpunkt seiner Entstehung auf der Arabischen Halbinsel herrschte (Foto: Josef Fendt/Pixabay)

„Letztlich ist das Vorklassische Arabisch – wie der Name ja schon andeutet – die noch nicht standardisierte und vereinheitlichte ‚Stufe‘ des Altarabischen. Genau das macht es so interessant für die linguistische Forschung. Zwar hat das ‚Auseinanderdriften‘ von Alt- und Neuarabisch höchstwahrscheinlich schon in vorislamischer Zeit eingesetzt, aber man weiß bisher, trotz einzelner bahnbrechender Studien und intensiver Debatten, immer noch zu wenig darüber.“
Um besser zu verstehen, wie beide Sprachtypen parallel bewahrt wurden und sich so allmählich eine Diglossiesituation ausbilden und verfestigen konnte, untersucht Melanie Hanitsch, an welchen Entwicklungslinien entlang und durch welche Mechanismen das ‚Auseinanderdriften‘ stattfand und welche Zwischenstadien es gab. „An dem involvierten Standardisierungsprozess interessiert mich vor allem die informelle Komponente, also wie zeitgenössische Autoren und ihre Texte als ‚Sprachnormvorbilder‘ fungiert und den Sprachgebrauch beeinflusst haben“, erklärt sie.

Um diese Frage zu beantworten, folgt sie exemplarisch einem bestimmten syntaktischen Phänomen durch einen Ausschnitt der arabischen Sprachgeschichte, der Kongruenz. „Kongruenz ist, ganz vereinfacht gesagt, die ‚Übereinstimmung von zwei oder mehreren Satzelementen hinsichtlich ihrer morpho-syntaktischen Kategorien‘, zum Beispiel Genus oder Numerus. Ich habe dieses Phänomen aus verschiedenen Gründen für meine Untersuchung ausgewählt: Zum einen haben die arabischen Grammatiker in diesem Bereich keine so rigiden Regeln formuliert wie in anderen Bereichen. Damit war anzunehmen – und ist nun in meiner Forschung auch zu sehen – dass sich hier Spielraum bot für eine Entwicklung ‚unter dem Radar der Grammatiker‘ hindurch.“

Im Rahmen ihrer Forschung ist ihr eine Ähnlichkeit zwischen den verschiedenen Kongruenzphänomenen im Vorklassischen Arabisch und denen der Modernen Arabischen Dialekte aufgefallen. Das heißt, die Modernen Arabischen Dialekte haben Phänomene bewahrt oder weiterentwickelt, die in der Klassischen ‚Standardsprache‘ weitgehend verlorengegangen sind.

So weist etwa die vorislamische Dichtung in der Kongruenz eine gewisse Nähe zu den heutigen nomadischen Dialekten auf. Im Koran hingegen lassen einige Phänomene Entwicklungen erahnen, deren vorläufiger Endpunkt in den heutigen städtischen Dialekten zu finden ist.

„Dies zeigt, dass eine Untersuchung von Kongruenzphänomenen, einen Beitrag dazu leistet, das soziolinguistische Gefüge auf der Arabischen Halbinsel um die Zeit der Entstehung des Islams herum besser zu verstehen. Und damit hilft es uns letztlich auch, besser zu begreifen, wie sich Alt- und Neuarabisch auseinanderentwickelt und ihren jeweiligen Platz in der bis heute andauernden Diglossiesituation eingenommen haben“, fasst Melanie Hanitsch abschließend zusammen.

Stipendienprogramm zur „Realisierung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre“ (FFL)
Aus Fördermitteln des Freistaats werden auf Antrag sowohl Stipendien finanziert als auch anteilig Projekte im Bereich der Genderforschung gefördert. Die Stipendien werden an Wissenschaftlerinnen mit überdurchschnittlichen Leistungen vergeben, die an der FAU ihre Promotion abschließen, sich in der Postdoc- oder Habilitationsphase befinden bzw. ihre Habilitationsschrift bereits eingereicht, das Verfahren jedoch noch nicht abgeschlossen haben.

Weitere Informationen zum FFL