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Mit der letzten Folge der Lindenstraße endet eine TV-Ära

Medienwissenschaftler Dr. Sven Grampp zum Ende der Lindenstraße
Dr. Sven Grampp (Foto: Harald Sippel)

Nach knapp 34 Jahren und 1758 Folgen ist Schluss: Die Lindenstraße wird eingestellt. Am 29. März 2020 läuft ‚im Ersten‘ tatsächlich die letzte Folge der deutschen Kultserie. Bei Dr. Sven Grampp ruft das Ende der Lindenstraße großes Interesse hervor, denn er sieht die Serie mit den Augen eines Forschers. Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater- und Medienwissenschaften befasst er sich beruflich mit TV-Serien und hat mit uns darüber gesprochen, warum Die Lindenstraße Fernsehgeschichte geschrieben hat.

Welches Verhältnis haben Sie zur Serie Die Lindenstraße?

Als Jugendlicher war das ein Event. Bezeichnenderweise nicht im heimischen Wohnzimmer, sondern im Jugendzentrum. Was bei meinen Eltern der Tatort war am Sonntag, war bei mir und meinen Freunden die Lindenstraße, indes mit dem nicht ganz unerheblichen Unterschied: Lindenstraße war Kultfernsehen, in dem Sinne, wie wir früher Schlager hörten, und das heißt mit einer gehörigen Portion Ironie, also Distanz zu den Inhalten. Wenn man so will, haben wir die Lindenstraße ‚postmodern‘ aufgefasst und wohl gegen die Intentionen der Macher. Besonders erinnere ich mich daran, dass es jeden Sonntag Wetten darüber gab, wie der Cliffhanger der Woche wohl aussehen wird, wie oft das Fahrradklingeln zu hören sein wird etc.

Am 8. Dezember 1985 lief die erste Folge der Lindenstraße im Fernsehen. Was war an der Serie neu und was machte sie so besonders?

Es war die erst Soap im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die als solche auf Unendlichkeit angelegt war, so etwas gab es trotz etlicher Familienserien seit den 1950er Jahre und dem Tatort noch nicht. Typisch für die Serie sind Zopfdramaturgie, die drei bis vier Handlungsstränge miteinander verwebt, Cliffhanger sowie dass die Serie größtenteils mit dem Lebensrhythmus der Zuschauer korrespondiert. Dieser seriellen Form verweigerte man sich davor regelrecht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Denn: Die Soap war der Inbegriff US-amerikanischer Kulturindustrie, die mit dem Bildungsprogramm der Unterhaltungsformen des deutschen Fernsehen nichts tun haben sollte. Genau das änderte sich Mitte der 1980er Jahre im deutschen Fernsehen. Das hat sehr unterschiedliche Gründe: Erstens kam Mitte der 1980er Jahre das Privatfernsehen ins deutschen Fernsehen und damit das duale (Medien-)System. ARD und ZDF hatten so eine zuvor nicht gekannte Konkurrenzsituation. Dass gerade in dieser Lage nach neuen, vermeintlich populären Formaten gesucht wurde, scheint naheliegend. Es scheint mir auch kein Zufall zu sein, dass im selben Jahr wie Die Lindenstraße im ARD, Die Schwarzwaldklinik im ZDF Premiere feierte, eine Arzt-Soap, die bis dato den größten Exportschlager des deutschen Fernsehens darstellt. Zweitens – und das scheint mir noch interessanter: Die Lindenstraße ist im Grunde eine sozialistische Soap oder doch zumindest eine zutiefst sozialpolitische.

Das klingt ungewöhnlich, können Sie das erklären?

Damit meine ich: In ganz besonderer Weise wird hier ein populäres Unterhaltungsformat, die Soap, mit einem hohen Bildungsauftrag –  wie gesellschaftlich relevante Themen, AIDS-Virus, Parkinson, Asylanten etc. – gekoppelt. Damit wird nichts weniger verfolgt als das hehre Ziel, eine sozial ausgerichtete Persönlichkeitsbildung in Gang zu setzen – und zwar dadurch, dass die Serie darauf angelegt ist, für eine lange Zeit, Teil des Lebensalltags der Zuschauer zu sein.

Genau das wollte der sogenannte sozialistische Realismus auch, wurden doch dort die Avantgardeideen der 1920er und 1930er Jahre verknüpft mit der Idee der Bildung eines sozialistischen Bewusstseins für die Massen in der sowjetischen Nachkriegszeit. Jedoch sind diese Ideen grandios gescheitert, denn auch jenseits des Eisernen Vorhangs schaute man augenscheinlich lieber Dallas oder Schwarzwaldklinik. Es spricht ja erst einmal nichts gegen solch eine Idee, das Ergebnis zeigt aber, dass solch eine Verschmelzung vielleicht zu ambitioniert ist oder doch variabler gestaltet werden müsste.

Jedenfalls erklärt sich so auch, dass Hans W. Geißendörfer, der aus der Avantgardebewegung des Neuen Deutschen Films kommt und 1977 für den besten fremdsprachigen Film bei der Oscarverleihung nominiert war, sich einem Format aus den Niederungen der US-amerikanischen Popkultur widmet und zum Erfinder und Produzenten der Lindenstraße wurde. Das macht die Lindenstraße meines Erachtens zu etwas sehr Besonderem, zumindest im deutschen Fernsehen, insbesondere im Vergleich zu den vielen Soaps, die im deutschen Fernsehen immer noch laufen.

Welche Folgen waren ein Meilenstein in der deutschen TV-Geschichte?

Ganz sicher der erste gleichgeschlechtliche Kuss im deutschen Fernsehen anno 1987, was der Star Wars-Saga im Übrigen erst im Jahr 2019 gelungen ist. Und höchstwahrscheinlich wird auch der Tod von Hans ‚Hansemann‘ Beimer im Jahr 2018 im Gedächtnis bleiben. Dieser war 33 Jahre Bestandteil der Serie, sein Tod insofern ein personifizierter vorgezogener Abschied von der Serie.

Warum wird die Serie eingestellt?

Die einfachste Antwort ist: Der Medienmarkt hat sich im digitalen Zeitalter immer weiter ausdifferenziert, mehr Sender, mehr Medien. Viele Serien haben ja das ehemalige Leitmedium, das Fernsehen, auch längst verlassen Richtung Netflix, Amazon Prime oder Social Media-Plattformen. Mehrheitsfähige Serien gibt es in solch einem Bereich immer weniger und wenn, dann eher als globales Phänomen, wie zum Beispiel Game of Thrones. Zudem scheint die Gebundenheit an eine Uhrzeit, und zwar jeden Sonntag genau um 18.50 Uhr vor der Glotze sitzen zu müssen, vielleicht ja auch nicht mehr allzu zeitgemäß. Ebenso ist die kollektive ‚Kultrezeption‘, wie sie in meiner Jungend noch vielerorts gängig war, zumindest bezüglich der Lindenstraße längst nicht mehr üblich. Die Lindenstraße ist gerade nur im Gespräch, weil der Abschied naht – und dementsprechend trauern wir schon im Vornherein über etwas, das kaum noch jemand wirklich anschaut.

Was kommt nach der Lindenstraße?

Es bleiben sicherlich – leider – etliche, sehr viel schlechtere, weniger ambitionierte Soaps im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Rote Rosen etwa. Das Traumschiff wird wohl auch bis zum Ende aller Tage um die Weihnachtszeit ausgestrahlt werden. Ich hoffe, dass die Anthologie-Serie Tatort noch lange, wenn möglich mit noch mehr Experimenten Bestand hat. Zwei Tendenzen für die Zukunft zeichnen sich meiner Ansicht nach deutlich ab: Zum einen findet sich eine Orientierung an Serien des sogenannten ‚Quality TV‘, also technisch hochwertige, teure und dramaturgisch komplexe Serien, die auf ein internationales Publikum angelegt sind und gleichzeitig ein spezifisches Lokalkolorit haben sollen. Das könnte man vielleicht dann ‚Glocal Quality TV‘ taufen. Babylon Berlin wäre dafür ein gutes Beispiel. Zum anderen finden sich experimentelle Formate, etwa die Jugendserie Druck, die nicht für das klassische Medium TV und dementsprechend auch für eine andere Zielgruppe konzipiert ist. Findet diese Serie doch auf der Social-Media-Plattform YouTube statt und wird zusätzlich mit Twitter-Beiträgen und Facebook-Accounts transmedial ausgeweitet.

Ein Zurück zum Lindenstraßen-Format wird es wohl im öffentlich-rechtlichen Bereich nicht mehr geben. Vielleicht wird es aber ein Wiedersehen auf eine der diversen Social-Media-Plattformen geben, sei es eine Netflix-Variante oder eine Fortsetzung von Fans für Fans gedreht, also für eine inzwischen ja recht kleine Gruppe an Eingeweihten mit Hang zur Nostalgie und gefilmt mit leiser Ironie.

 

Vielen Dank für das Interview, Herr Grampp!